Feuerwehr
Marburg - Cappel

Historisches

Unternehmen Sie eine Reise in die Vergangenheit. Wir haben neben unserer Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Cappel seit 1926 und der Chronik des Stadtteils Cappel seit 1450 auch einige andere interessante geschichtliches für Sie aufbereitet.

 

Cappel ist ein Stadtteil der Universitätsstadt Marburg/Lahn in Hessen.

cappel

 

Die hier aufgeführte Chronik unseres Stadtteils Marburg-Cappel ist ein Auszug aus der Festschrift „850 Jahre Cappel - Vom Hausdorf zur Stadtteilgemeinde 1139 - 1988".

Die verwendeten Bilder wurden dankenswerterweise von einzelnen Cappeler Bürgern zur Verfügung gestellt. Die redaktionelle Bearbeitung und Gestaltung der Festschrift erfolgte durch Roland Steiner, Ernst Stahlenberg, Peter Schmidt, und Arnold Dannenfeld.

"Eine Festschrift gibt allen Interessenten, wenn auch nur in Kurzform, Auskunft über die Vergangenheit unserer Gemeinde, beginnend mit der Ersterwähnung im Jahre 1139. Ebenso nimmt sie Bezug auf die Gegenwart und vermittelt einen Einblick von den Lebendigkeit Cappels in allen Bereichen des gemeindlichen Lebens" (Zitat von Ortsvorsteher a. D. Conrad Hahn).

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Da die Chronik Stadtteils Marburg-Cappel doch sehr umfangreich ist wurde diese jeweils in Jahresabschnitte aufgeteilt. 

 

... - 1450

 Aus grauer Vorzeit...

- Von Cappels Anfängen -

  

Zur Frühgeschichte des Cappeler Raums

Während für viele andere Orte die Möglichkeit gegeben ist, auf Grund ihres Namens auf ein bestimmtes Alter zu schließen, so entzieht sich der Name „Cappel“ einer präzisen Altersbestimmung.

Anhaltspunkte für die Existenz von Ansiedlungen im hiesigen Raum gibt es bereits aus sehr früher Zeit:

So ist davon auszugehen, dass der leichte Lößniederschlag auf den Westhängen der Lahnberge zu einer Besiedelung der hochwasserfreien, eiszeitlichen Niedertrassen des Lahntals ermutigte, nachdem zuvor die Ortshänge der Lahnberge und das Amöneburger Becken wegen der fruchtbaren Löß- und Lehmböden ur- und bewohnbar gemacht worden waren.

Erste nachweisbare Besiedlungsmerkmale finden sich in den benachbarten Gemarkungen Cappels bei Mardorf und auf den Lahnbergen. Die Hügelgräber am „Stempel“ zeugen von einer Besiedlung während der Bronzezeit (1600 - 1200 vor Chr.). Entsprechende Spuren aus der jüngeren Epoche der Eiszeit sind am „Lichten Küppel“ wie auch an den anderen Stellen der Lahnberge, am Frauenberg und im Ebsdorfer Grund nachzuweisen. Vergleichbare Funde gibt es ebenso der ostwärtigen Seite der Lahn, bei Bellnhausen. Schließlich verweisen Grabfunde bei Wittelsberg aus der Zeit der Römer bzw. der Chatten.

Eine frühgeschichtliche Besiedlung dieser Region steht also außer Frage. Offen bleibt dagegen, ob bereits zu so früher Zeit und gegeben falls ab wann sich im Ortsbereich des heutigen Cappel eine Siedlungsstätte befand.

 

Es begann mit Ludewicus

Urkundlich wird der Name von Cappel zum ersten Mal im Jahre 1138/1139 erwähnt. An dieser Aufzeichnung ist bedeutsam, dass es sich dabei nicht um die Nennung des Ortes handelt, sondern um den Namen der Person des Ludewicus de Capela (Ludwig von Cappel).

Nun gibt es den Namen „Cappel“ im deutschem Sprachraum häufiger, wenngleich in unterschiedlicher Schreibweise. Zweifel darüber, ob es sich bei dem genannten Ludwig nicht auch um den Träger des Namens Cappel aus einer anderen Region handeln könnte, sind jedoch unbegründet. Denn die erwähnte Urkunde enthält zwei weiter Namen, die dafür bürgen, dass die Personen des Ludewicus de Capela nur mit unserm Cappel in Verbindung zu bringen ist.

Zu einen verweist sie auf Thammo de Wimere, zum andern aus Ludewicus de Marburg, deren Namen sich unschwer den Orten Weimar und Marburg zuordnen lassen. Zudem wird über Ludewicus de Capela ausgeführt, dass er ein Ministerialer (Dienstmann) des Landgrafen Ludwig von Thüringen war und für seinen Herrn bei einer Schenkung zu Brauchbach am Rhein an das Michaelskloster zu Siegburg als Zeuge auftrat.

Kein Zweifel also: Ludewicus de Capela darf als unserem Cappel zugehörig betrachtet werden.

Des Weiteren liefert die Urkunde von 1138/1139 Anhaltspunkte für eine enge Verbindung Cappels mit der landgräflichen Verwaltung in Marburg und für seine Existenz als Adelssitz.

Dies legt den Schluss nahe, dass Cappel bereits vor dem beurkundeten Zeitpunkt als geschlossene Siedlung bestanden haben muss, deren Gründe in die ausklingende fränkische Zeit des 9. bzw. 10 Jahrhunderts fallen dürfte.

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Schenkungsurkunde mit Ersterwähnung des Namens „Cappel“ aus dem Jahre 1138/1139

 

Cappeler Adel

Trotz mancher Anhaltspunkte bleibt letztlich offen, ob der Ursprung Cappels auf die Adelsfamilie „derer von Cappel“ zurückzuführen ist. Es darf angenommen werden, dass der ehemalige Ortsadel einen burgähnlichen Besitz im Ortsbereich hatte. Wahrscheinlich ist auch, dass sich sein Standort dort befand, wo heute die Straße „Altes Schloss“ liegt. Über alter und Bestand des vermuteten Burgsitzes lassen sich mangels entsprechender Funde jedoch keine abgesicherten Aussagen machen. 

Ebenso lückenhaft sind die Hinweise über die Adelsfamilie selbst:

  • Der Name de Ludewicus de Capela wird nur einmal genannt und zwar in der erwähnten Urkunde von 1138/1139.
  • Erst 100 Jahre später ist von einer Mechthild von Cappel berichtet, deren mit Vornamen nicht genannter Sohn in Michelbach ein Mannlehen in Gestalt eines Hofes besaß.
  • Weiter Namensträger des Cappeler Adelsgeschichte treten als Angehörige des Deutschen Ordens in Erscheinung: Reinhard von Cappel im Jahr 1248 sowie sein Bruder Herman der in einer Urkunde des Landgrafen Heinrich I. von Hessen als „Offizial“ (Amtmann) bezeichnet wird, im Jahr 1284/1285.
  • Aus dem folgenden Jahrhundert ist der Name „von Cappel“ in drei weiteren  Fällen überliefert: Einmal wird Elisabeth von Cappel als Besitzerin eines Hauses am Pilgrimstein erwähnt, zum andern ein Priester Heinrich von Cappel, der als Vikar des Berthold von Ehringshausen fungierte. Aus dem Jahr 1350 ist über einen Gerlach von Cappel zu lesen, der in der Barfüßerstraße zu Marburg ein Haus besaß.
  • Auch aus dem 15. Jahrhundert stammen entsprechende Hinweise. Sie beziehen sich unter anderem auf den Marburger Stadtschreibers Johannes Schütz (1411-1435), der den Beinamen Cappel trug. Von ihm ist ein Notariatsignet erhalten, das die Aufschrift trägt: „Johannes Schucze, den man nenet Cappil von Marqurg.“ Des Weiteren wird von einer Frau Eilhard von Cappel berichtet, dass sie ein Haus unterhalb der Pfarrkirche in Marburg kaufte (1449). Schließlich ist überliefert, dass ein Angehöriger des Gesindes des Deutschen Ordens in Marburg Hen Kappel hieß (1470). 

In welchem Verwandtschaftsverhältnis die Personen zueinander standen, ist nicht auszumachen. Dafür sind die zeitlichen Abstände zu groß und die einzelnen Angaben zu wenig aussagekräftig. Nachweislich handelt es sich jedoch um Personen, die sich nach unserem Cappel nannten. Ob sie allesamt adliger Abkunft waren, bleibt von untergeordneter Bedeutung.

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Das Signet des Marburger Stadtschreibers (und Notars)

„Johannes Schucze de(n) man nenet Cappil vo(n) Marqurg“

 

1374 - 1800

Von Frondiensten, Armut und Not

- Die Stellung Cappels im Mittelalter bis zur frühen Neuzeit -

 

Zeitraum von 1374 bis 1800

 

Cappel – ein Marburger Hausdorf

Ebenso unzureichend wie die Aufzeichnungen über das „Adelsgeschlecht derer von Cappel“ sind die Quellen, die Aufschluss über die Geschichte und Entwicklung des Ortes selbst geben. Dies gilt besonders für den Zeitraum vom 14. bis 17. Jahrhunderts.

Vieles deutet darauf hin, dass die Einbeziehung des Marburger Raumes in die Regentschaft der thüringischen Landgrafen zu nicht unerheblichen Änderungen in den Besitzverhältnissen führte. In deren Folge schwand der Einfluss der Adelsfamilien aus Cappel und Weimar. Nutznießer waren unter anderem die Schenker zu Schweinsberg, die später auch das Patronatsrecht über die Kirchen von Cappel und Oberweimar erlangten.

Aufzeichnungen im Salbuch von 1374 machen deutlich, dass hinsichtlich der Besitzverhältnisse bereits zu diesem Zeitpunkt eine enge Verflechtung zwischen Marburg und Cappel gegeben war. Sie fand ihren Ausdruck darin, dass wechselseitig Lehen vergeben und Steuern entrichtet wurden, wie auch in einer administrativen Amtsverwaltung unterstellte. So weist das Salbuch z. B. aus, dass die Personen Heinz Oppermann, Bloße und Henne Fischer an die Rentkammer in Marburg Abgaben in Form von Naturalien entrichteten.

Gleiches galt für Johann von Diedensdorf, der im Bereich des heutigen „ Dietersdorfer Weges“ ein Gut besaß. Dieses war ein Teil der kleinen Siedlung „Diedendorf“, die später wahrscheinlich im benachbarten Adelssitz des Dorfes Cappel aufging.

Im Zuge der wachsenden Bedeutung Marburgs und des Ausbaues seiner Siedlung als Amts- und Verwaltungssitz vollzog sich eine Entwicklung, die Cappel zusammen mit Ockershausen, Wehrda und Marbach enger in die Interessen der Stadt einband. Einer Urkunde, die sie als „etliche besondere Dörfer im Amt“ bezeichnet, ist zu entnehmen, dass die genannten Orte den Status von „Hausdörfern“ erhielten, der sie zu besonderen Dienstleistungen gegenüber dem Landesherrn verpflichtete.

Diese Dienste schlossen unter anderem Fuhr- und Spanndienste sowie Erntearbeiten, Wegebau und Holzeinschlag ein. Für die meisten Tätigkeiten war jedoch charakteristisch, dass sie als „spezielle Hausdienste“ aus dem Schloss zu verrichten waren, vor allem zu Gunsten des „Hofstaates“. Wenngleich eine Dienstvergleichung den Rahmen der zu erfüllenden Pflichten absteckte und für eine gerechte Aufteilung der Arbeiten zwischen den einzelnen Hausdörfern sorgte, so verwundert es nicht, dass in den betreffenden Orten von „ungemessenen Diensten“ gesprochen wurde. Unmut erregte insbesondere die Tatsache, dass die Dienste jederzeit bei Bedarf zu erbringen waren, also jeweils weder Zeitpunkt noch Dauer der Inanspruchnahme feststand.

Wie aus einem Dorfbuch des Oberfürstentums Hessen hervorgeht, oblagen den Bewohnern Cappels die folgenden besonderen Pflichten: „Alle Untertanen haben nur den Naturaldienst auf dem Schloss zu verrichten. Der Schlossdienst besteht darin, das Pflaster reinzuhalten, das Gras zwischen den Steinen rauszuhacken, wenn Herrschaften da sind in der Küche aufzuwarten, Holz zu legen und herbeizuholen, Betten zu machen, auch Bier, Stroh und Heu hinaufzufahren." 

Eine weitere Auflage bestand darin, „dann, wenn die Herrschaft in Hachborn weilte, Fleisch und Gemüse nach dort zu tragen sowie zusätzlich aus den Kellern des Schwanhofes Wasser zu tragen und das Obst in den dortigen Gärten zu pflücken.“  Schließlich galt es auch, die landgräfliche Dienstpost zu befördern, was sich wegen der oftmals weiten Wegen und der damit verbundenen langen Abwesenheiten der „Botengänger“ als besondere Belastung herausstellte. Alles in allem mussten die Bewohner Cappels wie auch die der anderen Hausdörfer oft mehr als ein Siebtel des Jahres für die Erledigung der ihnen auferlegten Dienste aufwenden. Ein Vorteil lag dagegen in der Freistellung der Bewohner von den großen Leistungsfuhren über Land in Krieg und Frieden.

Trotz des großen Umfangs ihre Inanspruchnahme verloren die Hausdörfer ihre innere Stabilität nicht. Vielmehr kann davon ausgegangen werden, dass sie ihre kontinuierliche Weiterentwicklung zum wesentlichen Teil dieser besonderen Situation und den vielfältigen Bemühungen, sie unbeschadet zu meistern, verdanken.

Detaillierte Angaben über die sozialen Verhältnisse im Hausdorf Cappel, über die Größe der Siedlung sowie über ihre Einwohnerzahl sind mangels aussagekräftiger Dokumente nicht möglich. Es gilt jedoch als sicher, dass das Leben im Ort wesentlich von der Nähe zu Marburg bestimmt wurde, insbesondere durch die Zugehörigkeit zur städtischen Gerichtsbarkeit wie auch durch die Abhängigkeit von den dortigen Ämtern. 

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Mittelalterliche politische, kirchliche Siedlungs- und Verkehrsverhältnisse um Marburg und Cappel 

 

Bescheidene Verhältnisse

Erst seit dem Ende des 15. Jahrhunderts, insbesondere aber seit dem 18. Jahrhundert liegen aufschlussreichere Quellen über Personen- und Besitzverhältnisse in Cappel vor. Die älteste stammt aus dem Jahre 1494 und ist in einem Register zu finden, das die dem Landgrafen „dienstbaren Pflüge" aufführt. Darin werden vier Pfluginhaber namentlich genannt, die ein eigenes Pferdegeschirr besaßen und zehn weitere Cappeler, die lediglich Handdienste zu er­bringen hatten. 

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Flureinteilung und Kulturartenverteilung

 

Es ist folglich davon auszugehen, dass es in Cappel um das Jahr 1500 ca. 14 registrierte Haushaltungen gab. Diesen können, wie historische Erfahrung lehrt, noch 5 bis 8 nicht erfasste Haushaltungen zugerechnet werden, so dass die Einwohnerzahl bei ungefähr 100 Personen gelegen haben dürfte.

Fundiertere Angaben über die Einwohner Cappels sind einer „Katastervorbeschreibung über das Dorf Cappel" aus dem Jahre 1748 zu entnehmen. Danach gab es zu diesem Zeitpunkt „in der Dorfschaft dermahlen exklusive der Kirch und Pfarrhauses in 51 Häusern oder Feuerstätten" eine Gesamteinwohnerzahl von 213 Personen, bei folgender Verteilung:

42 Männer, 60 Weiber, 40 Söhne, 47 Töchter, 10 Knechte und 14 Mägde

Über diese Angaben hinaus vermittelt die herangezogene Quelle ein plastisches Bild von den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen im Ort. 

Demzufolge gab es an Gewerbetreibenden Personen:

1 Tuch- und Wollweber, 2 Schmiede, 3 Schneider, 1 Bender, 9 Leinweber, 13 Tagelöhner, 2 Wagner, 1 Glashändler, 1 Wirt und 1 Branntweinbrenner

In den Gemeindediensten standen:

1 Baurenmeister (Geldheber), 2 Vorsteher, 2 Schulmeister, 1 Kuhhirt, 2 Schäfer und 1 Schütz

Die Wohnverhältnisse der aufgeführten 213 Personen waren überaus bescheiden. Sie lebten zumeist in sehr alten Häusern, denen einfachste Wirtschaftsgebäude angegliedert waren. Die Wasserversorgung war unzureichend und bereitete oftmals Probleme, so dass man sich trotz der im Ortsbereich befindlichen Brunnen „bei Trockenheit des Lahnwassers für Menschen und Tiere bedienen musste".

An Grundeigentum besaß die Gemeinde damals:

10 Morgen Ackerland, 25 Morgen Wiesen, 10 Morgen Viehtrift für Schafe und Gänse sowie einen verpachtete kleinen Teich.

In Gemeindeeigentum befanden sich darüber hinaus die Kirche, das Pfarrhaus, 2 Schulhäuser und 1 Hirtenhaus. Über nennenswerten Waldbesitz verfügte Cappel noch nicht. Ihr Bau- und Brennholz mussten die Einwohner infolgedessen aus dem Staatsforst erwerben. Auch hatten sie ein Mastgeld zu entrichten, wenn sie ihre Schweine tagsüber in den Wald trieben.   

 

Alte Schäferei am Glaskopf

Bereits nach diesen spärlichen Angaben ist zu erkennen, dass Cappel zu den vergleichsweise ärmeren Dörfern des Marburger Umlandes zählte. Dafür waren mehrere Faktoren ausschlaggebend:

  • Vorrangig sind der wenig fruchtbare Boden zu nennen sowie die häufigen Überschwemmungen der Talauen, die nur sehr dürftige Ernten zuließen. Die mindere Bodenqualität erforderte zudem eine intensive Düngung, wozu der anfallende Hofdung aber nicht ausreichte, so dass man auf den Kehricht aus der Stadt zurückgreifen musste. Dennoch blieben die Ernteerträge bescheiden, und die produzierte Nahrung reichte zur Selbstversorgung oftmals nicht aus. So mussten mitunter selbst Grundnahrungsmittel aus den Nachbardörfern hinzugekauft werden.
  • Da außer Pferden und Ochsen durchweg auch die Kühe als Zugtiere eingesetzt wurden, blieb auch der Milchertrag gering. Deshalb konnten trotz der Nähe zum Marburger Markt Milch und Milchprodukte nur in beschränktem Umfange angeboten werden. Gleiches galt für Eier und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse.
  • Ausschlaggebend für die eher kärglichen Lebensverhältnisse waren insbesondere auch die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges. Aus dieser Zeit berichtet der damalige Pfarrer Gebelins (1641), „ dass er schon drei Jahre lang auf dem Pfarrland nichts habe ernten können." Ein Jahr vor seiner Eintragung, also 1640, „habe er von 9 Morgen Winterfrucht lediglich 12 Zentner erhalten. Den übrigen Ertrag hätten einmal die kaiserlichen, dann wieder die schwedischen Soldaten ausgedroschen. Das Pfarrland liege nun wüst und unbesät da, und er wisse kein Mittel, seinen Pfarrkindern, denen es sehr schlecht gehe, zu helfen. Kirche und Pfarrhaus seien verfallen, die Pest fordere ihre Opfer. " An ihr starben damals die Cappeler Hans Heuser und Hans Mudersbach. Von den Folgen des Krieges erholte sich das Dorf erst nach Jahrzehnten. 

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              Feldmarkkarte von 1839             Alte Schäferei am Glaskopf
  • Als überaus nachteilig erwies sich zudem die geringe Ausdehnung der Cappeler Feldgemarkung. Diese bot den Bewohnern lediglich eine sehr schmale Wirtschaftsbasis, wodurch eine grundlegende Veränderung der Lebensverhältnisse lange Zeit verhindert wurde. So konnte sich nur ein Drittel der Einwohner Cappels ausschließlich durch die Landwirtschaft ernähren, ein weiteres Drittel übte im Nebenerwerb noch ein Handwerk aus und der Rest war auf Tagelohnarbeiten angewiesen.

 

Der Aufschwung kündigt sich an

Eine wirksame Verbesserung dieser Situation war nur möglich, wenn die zu bewirtschaftenden Ländereien durch Landerwerb oder Leihpacht wesentlich erweitert werden konnten. Die Möglichkeit dazu bot sich im Jahre 1774. Das „Vorwerk" auf dem Glaskopf, ein Areal von der Größe von etwa 400 „Kasseler Äckern" konnte von 48 Interessenten aus der Stadt Marburg und dem Dorf Cappel in Erbleihpacht übernommen werden. Für Pacht einschließlich des Kapitalabtrags und der Zinsen waren pro Halbjahr jeweils 19,30 Mark zu entrichten. Für das Gehöft auf dem Glaskopf und den dazugehörigen Garten übernahm die Gemeinde Cappel eine Bürgschaft. Nach Ablauf der Erbpacht im Jahre 1898 wurden die Ländereien nach einem Umlegungsverfahren unter den Pächtern aufgeteilt. Wege und Gräben, sowie der als Wohnung für den Schäfer umgebaute Schafstall mit dem sogenannten Pulverturm und die zugehörigen Gärten verblieben weiter in Gemeinschaftsbesitz. Erst im Jahre 1959 wurde die alte Glaskopfschäferei aufgelöst und der Rest des Landes an die Siedlungsgesellschaft „Neue Heimat" verkauft, die hier in den 60er Jahren ein Neubaugebiet entstehen ließ.

Obwohl der Zugewinn an Feldern die Wirtschaftsbedingungen der Cappeler Bauern verbesserte und auch die der übrigen Bewohner positiv beeinflusste, waren wirtschaftliche Not und soziales Elend keinesfalls generell beseitigt. Noch für das Jahr 1858 ermittelte ein Fragebogen der Marburger Polizeikommission, „dass in Cappel viele Arme lebten, denen ein zweimaliger Umgang im Ort zum Einsammeln von Almosen erlaubt war." In dem Fragebogen hieß es weiter, „dass fünf Personen vollends von der Gemeinde ernährt wurden und drei weitere Unterstützung erhielten. Andere sammelten freiwillig für sich selbst. Zur Verpflegung aller Hilfsbedürftigen hätten 436 Taler und vier Silbergroschen aufgewendet werden müssen. Eine solche Summe habe aber nicht zur Verfügung gestanden."

Dennoch gab es seit Beginn des 19. Jahrhunderts in allen Bereichen des gemeindlichen Lebens deutliche Fortschritte, wenngleich sie sich nur sehr zögernd einstellten. Positiv wirkte insbesondere die Aufhebung der Leibeigenschaft (1831), der mit Ausnahme von 24 Personen alle Einwohner Cappels unterworfen waren. Zwar brauchten schon lange keine Fron- und Spanndienste mehr erbracht zu werden, doch bot die formale Abschaffung auch aller „Zehnten" nun die Möglichkeit für eine zunehmend freizügigere Lebensgestaltung. Sie war fortan der Garant für einen stetigen Aufschwung.  

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Ehemaliger Pulverturm am Glaskopf

  

1846 - 1946

Zwischen Hoffen und Bangen

- Die Entwicklung Cappels in unruhigen Zeiten -

 

Mit der Bahn in eine bessere Zeit

Belebende Wirkungen für die gesamte Region hatte der Bau der Main-Weser-Bahn, mit der im Jahre 1846 begonnen wurde. Nach Inbetriebnahme des Abschnittes Marburg-Lollar im Jahre 1850 wurde die Strecke Marburg-Gießen 1852 freigegeben.

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Main-Weser-Bahn

Von diesem Projekt gingen wichtige Impulse für das wirtschaftliche und soziale Leben Cappels wie auch der umliegenden Gemeinden aus. Da die Bauarbeiten am Bahnkörper überwiegend in Handarbeit verrichtet werden mussten und für einen längeren Zeitraum sichere Beschäftigung versprachen, war ein Zustrom auswärtiger Arbeitskräfte die Folge. Diese kamen teils mit ihren Familien und verblieben für immer, teils wurden sie durch Heirat in Cappel ansässig. Nach langer Zeit stieg so die Einwohnerzahl der Gemeinde spürbar an. Lag sie im Jahre 1845 noch bei 693, so wuchs sie innerhalb von 11 Jahren auf 797 Personen.

Die Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur wirkten der eingetretenen Erstarrung entgegen. Die Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung der Gemeinde verbesserten sich zusehends, da die „Neubürger" ihre Bindungen und Beziehungen zum heimatlichen Raum pflegten und auch unter ökonomischen Gesichtspunkten ausbauten.

Dieser Prozess der zunehmenden Öffnung nach außen erhielt einen zusätzlichen Antrieb, als die „Marburger Kreisbahn" gebaut und am 28. September 1905 in Betrieb genommen wurde. Mit ihr erschlossen sich den Cappeler Bürgern weitere Möglichkeiten, ihre berufliche und damit verbunden ihre wirtschaftliche Situation zum Teil entscheidend zu verbessern. 

Die sichtbaren Folgen waren Veränderungen in den Besitzständen der einzelnen Familien: Häuser wurden gebaut bzw. erweitert, Landwirte vergrößerten ihre Höfe, Arbeiter erwarben frei werdende Häuser. Das Ortsbild begann sich zu verändern.

Hand in Hand mit dieser Entwicklung verlief die gezielte Planung und schrittweise Realisierung wichtiger infrastruktureller Maßnahmen. So wurden im Zeitraum von 1850 - 1910 die folgenden Bauvorhaben verwirklicht:

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    Lehrerdienstwohnung
  • 2 neue Schulsäle in der Marburger Straße (1852),
  • 1 Lehrerdienstwohnung in der ehemaligen Bahnhofstraße (Heute „Rosenmorgen"/1878),
  • 1 Dienstwohnung für den zweiten Lehrer (1891),
  • Abriss des alten Kirchenschiffes und Neubau der Kirche in Verbindung mit dem alten Chorraum (1899/1900),
  • Neubau eines Pfarrhauses (1906). 

Angesichts der ständig anwachsenden Einwohnerzahl nahm sich die Gemeinde auch der seit langem problematischen Wasserversorgung an. Die Planungs- und Bauarbeiten wurden zügig vorangetrieben und von der Cappeler Firma Schneider innerhalb von nur zwei Jahren zum Abschluss gebracht. So konnte bereits im Herbst 1910 im Rahmen eines großen Volksfestes die Einweihung der neuen Wasserleitung gefeiert werden.

Da sich die als Wasserreservoir dienende Teichmühlenquelle in Ronhausen als außerordentlich ergiebig erwies, konnten in der Folgezeit auch die im Aufbau befindliche Landesheilanstalt und ebenso diejenigen Einwohner Marburgs, die östlich der Main-Weser-Bahn wohnten, über das Cappeler Wassernetz mitversorgt werden.

Mit der Einbeziehung Cappels in die überregionale Stromversorgung und dem im Jahre 1914 erfolgten Anschluss an das Stromnetz fand die infrastrukturelle Entwicklung der Gemeinde ein vorläufiges Ende.

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Eine Lokomotive aus der Anfangszeit der Marburger Kreisbahn (1906)

 

Von Krieg zu Krieg

Die seit Beginn des 20. Jahrhunderts erreichten Fortschritte erfuhren durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges eine jähe Unterbrechung. Viele Vorhaben, die für das zweite Jahrzehnt geplant waren, unterblieben oder mussten auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. So auch der Neubau einer Schule, der wegen der seit Jahren unzulänglichen Raumverhältnisse unbedingt hätte ausgeführt werden müssen.

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In der ehemaligen Dorfkirche Cappels

 

Alte Kirche (1988)

(Gemälde von Otto Piltz, 1882)

   

Viel schmerzlicher aber als die Zurückstellung solcher zukunftsträchtiger Pläne wurden die durch den Kriegsausbruch bedingten Einschränkungen und Eingriffe empfunden, die sich auf nahezu alle Lebensbereiche auswirkten:

  • So wurden bereits in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 insgesamt 72 meist junge Cappeler Männer zum Kriegsdienst einberufen. In den folgenden vier Jahren wuchs deren Zahl auf 223 an. 28 von ihnen kehrten nicht wieder heim. Zu ihrem Gedenken errichtete die Gemeinde im Jahre 1921 auf dem Friedhof ein Ehrenmal.

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Kriegerdenkmal auf dem alten Cappeler Friedhof

  • Von den staatlichen Zwangsmaßnahmen zur Überwindung der dramatisch wachsenden Rohstoff- und Nahrungskrise blieb auch die Cappeler Bevölkerung nicht verschont. Musste sie zunächst auf ihre Kirchenglocken verzichten, so litt sie später wegen der Rationierung der Lebensmittel zum Teil großen Hunger.  

Mit dem Friedensschluss von 1918 schwanden zwar die Sorgen um das Leben von Männern und Söhnen, die Schwierigkeiten in der Bewältigung des Alltages aber blieben. Arbeitslosigkeit und Inflation erschwerten die Rückkehr zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Normalität ebenso wie die von den Siegermächten auferlegten Reparationsleistungen. Nur langsam konnten die Kommunen daran gehen, die durch den Krieg unterbrochenen Planungen in die Tat umzusetzen - so auch die Gemeinde Cappel.

Großen Anteil an der Fortentwicklung seiner Gemeinde hatte in dieser Zeit der seit 1914 die Amtsgeschäfte führende Bürgermeister Wißner. Er, der sich während seiner nahezu 20jährigen Amtsführung viele Verdienste erwarb, erkannte, dass es für die Zukunft Cappels wichtig war, die Bautätigkeit wieder anzuregen. Mit der Erschließung des heutigen „Wiesenweges" als Baugelände wurden 1924 die dazu notwendigen Voraussetzungen geschaffen. Für 2,- RM (Reichsmark) wurde 1 Quadratmeter Bauland angeboten.

Im Jahre 1925 erhielt Cappel eine Gemeindeschwesternstation. Sie entstand unter der Trägerschaft eines neugegründeten Schwesternvereines und war mit einer Diakonisse besetzt.

Im Zuge der Aktivitäten auf dem Bausektor konnte 1926 endlich mit dem Neubau des Schulhauses begonnen werden. Das Gebäude entstand in der „Borngasse" und wurde im August 1927 eingeweiht. Der für damalige Verhältnisse moderne Bau erfüllte knapp 40 Jahre seinen Zweck. Zwar wurde er im März 1945 durch einen Bombentreffer beschädigt, doch konnten die Zerstörungen rasch beseitigt und das Gebäude unverändert bis 1966 als Unterrichtsstätte genutzt werden.

Eine weitere Baumaßnahme brachte entscheidende Verbesserungen für den Bereich des Vereins- und Schulsportes. In unmittelbarer Nähe zur neuen Schule errichtete der TSV Cappel in den Jahren 1932/1933 eine vereinseigene Turnhalle und schuf damit eine vorbildliche Einrichtung für sportliche und anders geartete kulturelle Zwecke.

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Die 1926 erbaute „Alte Schule“ mit der TSV Turnhalle - Heute August-Bebel-Platz

Als sich Mitte der 20er Jahre ein allgemeiner wirtschaftlicher Aufschwung durch setzte, wurde dieser in Cappel von zwei wichtigen Ereignissen begleitet: Zum einen wuchs die Bevölkerung kräftig an, zum anderen erweiterten sich seine Gemarkungsgrenzen erheblich.

Letzteres geschah im Zuge der Auflösung der preußischen Gutsbezirke im Jahre 1929. Danach wurden große Waldbereiche verselbständigt und den angrenzenden Gemeindeflächen zugeschlagen. Nutznießer war unter anderem die Gemeinde Cappel. Auf diesem Wege vergrößerte sich ihr Waldbesitz um 1.111 ha, so dass die Gemarkung, deren Ausdehnung bis dato lediglich 380 ha betragen hatte, auf 1.491 Hektar anwuchs.

Die Gemeinde nutzte diese Gelegenheit zu einer ersten umfassenderen Neuordnung der Fluren. Sie traf diese Maßnahme sowohl zugunsten der Landwirte, denen damit ein rationelleres Bearbeiten ihrer Felder möglich wurde, als auch aus Gründen der Gemeindeentwicklung. Der stetig wachsende Wohnraumbedarf zwang dazu, weiteres Baugelände auszuweisen und zu erschließen, was durch die eingeleitete Flurbereinigung erleichtert wurde. So konnten in den Jahren 1934 -1939 die Gebiete oberhalb und unterhalb der Marburger Straße zur Bebauung freigegeben werden. Zunächst entstand die Siedlung „Auf der Haide". Ab 1938 wurden die ersten Häuser auf dem Areal zwischen der Marburger Straße und der Umgehungsstraße errichtet.

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Wohngebiet „Auf der Alten Haide

Im gleichen Maße wie Cappel an Größe zunahm, wuchsen auch die Aufgaben für seine Verwaltung. Waren bis 1938 alle Dienstgeschäfte im Aufgabenbereich der Kommunalverwaltung in den Privatwohnungen der jeweiligen Amtsinhaber abgewickelt worden, so entschloss sich die Gemeindevertretung nun, den veränderten Voraussetzungen Rechnung zu tragen und angemessene Diensträume einzurichten. Das freigewordene alte Schulgebäude in der Marburger Straße 6-8 wurde zum „Bürgermeisteramt" umgebaut und erhielt neben einem Amtszimmer auch Räume für den Gemeindekassierer und das Standesamt.

Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges im Jahre 1939 wurde der bemerkenswerte Aufschwung Cappels abrupt unterbrochen. Die stets gleichen Begleiterscheinungen, die mit kriegerischen Auseinandersetzungen verbunden sind, griffen schmerzlich in das sich entwickelnde gesellschaftliche Leben ein und trafen Cappel nicht minder hart, als viele andere Dörfer und Städte:

Zunächst musste man die Männer entbehren, die an die Front abkommandiert wurden. Waren es zu Beginn nur die jüngeren, so traf es im Laufe des Krieges auch die älteren. Alles in allem stellte Cappel 438 Soldaten.

  • Den Einberufungen folgten bald die ersten Todesmeldungen. Insgesamt 80 Cappeler Soldaten fielen, 24 weitere gelten als vermisst.
  • Doch nicht nur die Front forderte ihre Opfer, auch die Heimat blieb vom „totalen Krieg" nicht verschont: Rationierung der Lebensmittel, Dienstverpflichtungen der Frauen, der Einsatz von Fremdarbeitern in den gewerblichen und landwirtschaftlichen Betrieben und nicht zuletzt die ständige Alarmbereitschaft wegen der feindlichen Bomberverbände wuchsen teilweise zu unerträglichen Belastungen an.
  • Am 12. März 1945 wurde Cappel schließlich selbst unmittelbares Opfer des Bombenkrieges. Im Ortskern und an anderen Stellen einschlagende Spreng- und Brandbomben zerstörten ein Wohnhaus sowie 11 landwirtschaftliche Gebäude, die Schule und 29 weitere Häuser wurden zum Teil erheblich beschädigt. 

Das Kriegsendestand jedoch bevor. Für Cappel vollzog es sich mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen, die am 28. März 1945 den Marburger Raum besetzten. Sichtbares Zeichen dieser Besetzung und Ausdruck der veränderten Machtverhältnisse wurde das Kriegsgefangenen-Entlassungslager, das die Amerikaner an der Grenze zum Stadtgebiet entlang der heutigen „Frauenbergstraße" einrichteten.

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Eingangstor zum Kriegsgefangenen-Entlassungslager 

Nicht nur durch den Bombenabwurf hatte der Krieg in Cappel unübersehbare Spuren hinterlassen. Für nahezu alle Lebensbereiche bestand die Notwendigkeit, einen Neuanfang zu wagen, - doch zunächst galt die Devise: „ Erst einmal über die Runden kommen!" Und das war auch in Cappel schwer genug. 

Denn noch 1948 musste ein „Normalverbraucher" z. B. in einer Dekade (10 Tage) mit folgender Lebensmittelzuteilung auskommen:

  • 1 kg Brot,
  • 700 g Mehl,
  • 625 g Nährmittel (Nudeln, Gries),
  • 60 g Speiseöl,
  • 60 g Schweineschmalz,
  • 50 g Eipulver und
  • 750 g Trockenfrüchte (Pflaumen, Rosinen)

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Lebensmittelmarken (1948)

 

So darf es nicht verwundern, dass der Schwarzhandel blühte und das „Organisieren" hoch im Kurs stand.

 

 

1946 - 1974

Viel beneidetes Cappel

- Der Aufstand Cappel zu einer leistungsfähigen Stadtrandgemeinde -

 

Entschlossener Neubeginn

Geordnete Verhältnisse stellten sich erst nach der Währungsreform wieder ein, die im Juni 1948 durchgeführt wurde. Mit ihr schuf man die Voraussetzungen für einen allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung, der es den Kommunen ermöglichte, wieder langfristiger zu planen. Die Hauptprobleme, Schaffung von Arbeitsplätzen und Behebung der Wohnraumnot, konnten somit gezielt in Angriff genommen werden.

Beides erwies sich auch für Cappel als dringend notwendig. Denn bedingt durch den Zustrom von Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, von Evakuierten aus den zerbombten Städten und von Entlassenen aus dem Cappeler Kriegsgefangenenlager stieg die Einwohnerzahl der Gemeinde sprunghaft an. Hatte sie im Jahre 1939 noch bei 1699 gelegen, so zählte man im Jahre 1946 bereits 2.288 Einwohner. Davon waren 408 Personen Vertriebene, 143 Personen Evakuierte. Der Gesamtanteil der „Neubürger" belief sich also auf ca. 25%.

Um den eingetretenen Wohnungsnotstand zu überwinden, fasste die Gemeindevertretung im Juni 1949 den Beschluss, das am Zuckerberg gelegene gemeindeeigene Gelände zur Bebauung freizugeben. Der Kaufpreis für 1 Quadratmeter Bauland wurde auf 0,50 DM festgesetzt, für die Erschließung wurden weitere 0,50 DM pro Quadratmeter erhoben. Zwar waren die angewiesenen Parzellen klein und die Raum und Wohnverhältnisse auch in den Neubauten bescheiden - doch ein Anfang war gemacht.

Nach wie vor mussten von den 750 in Cappel registrierten Haushaltungen jedoch 250 in Notwohnungen untergebracht bleiben. Darunter befanden sich insgesamt 132 Familien, deren verfügbare Wohnfläche lediglich bis zu 50 qm betrug.

Angesichts dieser Misere wuchs allgemein die Einsicht, dass eine planvolle weitere Erschließung von Baugelände unumgänglich war. In teils zähen und langwierigen Verhandlungen mit der Forstverwaltung erreichten die verantwortlichen Gemeindevertreter, dass Schritt für Schritt neues, meist dem Fiskus gehörendes Gelände als Baugebiet ausgewiesen und freigegeben werden konnte. 

Im Einzelnen handelt es sich um folgende Areale:

Zuckerberg (1949), Am Köppel (1951), Zum Neuen Hieb (1953), Im Lichten Holz (1959), Sohlgraben (1960), Am Rödchen/Zur Birke (1960), Goldberg/Hahnberg (1963) und Vogelherd (1964).

Die Gesamtübersicht über die verschiedenen Bebauungspläne ist ein überzeugender Beleg dafür, wie folgerichtig und systematisch bei diesen Planungen vorgegangen wurde. Das macht auch verständlich, warum Cappel für Bauwillige aus nah und fern als bevorzugter Ort galt und sich in den 60er Jahren neben Stadtallendorf zur größten Zuwachsgemeinde im Kreisgebiet entwickelte. 

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Beeindruckender Aufschwung

Neben der Beseitigung der Wohnraumnot gab es weitere dringliche Aufgaben, die den für Cappel Verantwortlichen schlaflose Nächte bereiteten. Die „Marburger Presse" griff in ihrer Ausgabe vom 30.07.1952 eines dieser Probleme auf und berichtete, dass in Cappel viele Straßen im argen lägen. Wegen der fehlenden Kanalisation drohe im Winter Vereisungs- und im Frühjahr Überschwemmungsgefahr. Der Dorfbach sei nicht verrohrt, Bürgersteige fehlten. Von „den oberen Behörden" werde seitens der Cappeler Bürger erwartet, dass die durch den oberen Ort führende Kreisstraße (die heutige Moischter Straße) endlich in einen befahrbaren Zustand versetzt werde. Wichtige Arbeiten hätten seit Jahren nicht ausgeführt werden können, da die Straße zunächst eine neue Decke erhalten sollte. Da zwischen­zeitlich sowohl die Schotterdecke als auch das Packlager teilweise verschwunden seien, sähen sich die Anlieger gezwungen, das Gröbste selbst auszubessern.

Maßnahmen zur Verbesserung der innerörtlichen Verkehrsverhältnisse wurden fortan mit besonderem Nachdruck betrieben. Ein erster nennenswerter Fortschritt war zu verzeichnen, als die in Richtung Marburg führende Straße (die heutige „Marburger Straße") von der Dorfmitte aus bis zur Stadtgrenze auf einer Länge von ca. 1 km erheblich verbreitert und mit einem durch Bordsteine abgetrennten 2 m bis 2,50 m breiten Fußgängerweg versehen wurde. Weitere Maßnahmen folgten, so z. B. die seit langem überfälligen Kanalisierungsarbeiten  -  insbesondere im alten Dorf  -  sowie die Erweiterung der Leitungsnetze für Wasser, Abwässer und elektrischen Strom. 

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Das Sohlgrabengelände vor der Bebauung   ...nach der Bebauung

Da die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde aber sehr begrenzt waren, konnten die meisten dieser Projekte, wie Bürgermeister Hahn anlässlich der Etatberatungen im Jahre 1963 ausführte, „nur zu einem Bruchteil aus eigener Finanzkraft bestritten werden. " Dass demzufolge in längeren Zeiträumen gedacht und gehandelt werden musste, liegt auf der Hand. 

Zur Verdeutlichung seien einige Fakten und Daten aufgeführt:

  • In den Jahren von 1956 - 1963 wurden Kanalisationsarbeiten mit einem Kostenvolumen von 1,2 Millionen DM ausgeführt. 18 Kilometer Rohrleitungen waren verlegt worden.
  • Bis zum Jahre 1966 wurde das Leitungsnetz für die Wasserversorgung ausgebaut und um über 11 Kilometer verlängert.
  • Das Straßennetz wurde kontinuierlich erweitert. Nach einer Statistik aus dem Jahre 1971 erstreckte es sich seinerzeit über 18,630 km innerörtlicher Straßen und 4,290 km noch nicht ausgebauter Straßen. 

Der Kostenaufwand belief sich bis zu diesem Zeitpunkt auf 2.523.932,- DM. 

Der Umfang der bezeichneten Aufwendungen und die daraus für die Gemeinde resultierenden Belastungen werden aus heutiger Sicht leicht unterschätzt. Ein realistisches Bild ergibt sich dann, wenn man zugleich die Haushaltsansätze dieser Jahre in den Blick nimmt:

  • Belief sich der Gesamtetat der Gemeinde Cappel in den ersten Nachkriegsjahren auf ca. 120.000,- RM,
  • so stieg er bis zum Jahre 1961 auf 595.000,- DM im ordentlichen und auf 775.000,- DM im außerordentlichen Teil an.
  • Im Jahre 1970 wurden 2,5 Millionen DM ausgewiesen,
  • und im Jahre 1974 erreichte der Gemeindeetat ein Volumen von 4,261 Millionen DM im Verwaltungs- und von 5,082 Millionen DM im Vermögenshaushalt. 

Die kontinuierliche Verbesserung der Infrastruktur verursachte zwar hohe finanzielle Aufwendungen, andererseits erhöhte sich die Attraktivität der Gemeinde und machte sie auch als Wirtschaftsstandortinteressant. So verlegten größere Unternehmen ih­ren Hauptsitz nach Cappel, andere errichteten hier eine Filiale. 

Die Gemeinde, aber auch viele ihrer Bürger zogen aus dieser Entwicklung großen Nutzen. Was 1948 mit der Niederlassung der Coca-Cola-Abfüllstelle am Zuckerberg seinen Anfang genommen hatte, fand in den 50er und 60er Jahren seine stetige Fortsetzung. Innerhalb weniger Jahre stieg das Arbeitsplatzangebot auf 1.600 Stellen an, die Einkommenssituation vieler Cappeler verbesserte sich, die Finanzkraft der Gemeinde nahm zu. 

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Der Erste Industriebetrieb - „Coca-Cola"

  

Abschied vom Bauerndorf

Doch hatte diese Entwicklung auch ihre Schattenseiten. Denn durch den Landhunger der vielen Bauwilligen, durch den steigenden Bedarf an gewerblich genutzten Flächen und nicht zuletzt auf Grund des hohen Landverbrauches für die zahlreichen Straßenbaumaßnahmen wurde die Existenzgrundlage der Cappeler Landwirte zunehmend geschmälert. Der Umfang der landwirtschaftlichen Nutzflächen nahm in bedrohlichem Maße ab, Ausgleichsland stand nur begrenzt zur Verfügung und lag zudem meist weitab. Zwangsläufig verringerte sich die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe. Waren es zunächst die Nebenerwerbslandwirte, die nach und nach aufgaben, so folgte bald auch die Stilllegung solcher Betriebe, die bis dahin im Vollerwerb geführt wurden. Derzeit werden in Cappel noch insgesamt 8 Höfe bewirtschaftet. Um ihre Existenz zu sichern, sind einige der Landwirte jedoch gezwungen, Äcker zu bestellen, die weit entfernt in den Gemarkungen von Gisselberg, Schröck, Bauerbach und Heskem liegen. 

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Feldbestellung vor nicht allzu langer Zeit   Schäferidylle am Dorfrand im Jahr 1960

 Aus dem zuvor Gesagten wird deutlich, welch grundlegender Strukturwandel sich in Cappel vollzog. Am Beispiel der Veränderungen in der Landwirtschaft lässt er sich eindrucksvoll belegen:

  • Prägten noch zu Beginn des Jahrhunderts die Arbeiten in der Landwirtschaft den Alltag im Dorf, und waren es bis dahin 70% der Familien, die ihren Lebensunterhalt durch Tätigkeiten auf den Feldern und in den Ställen bestritten, so ergab sich bereits 1962 ein grundsätzlich anderes Bild. Laut Veröffentlichung der Oberhessischen Presse vom 27.03.1962 waren zu die­sem Zeitpunkt von allen Berufstätigen in Cappel 80% Arbeitnehmer, 10% Gewerbetreibende und Industrielle, 5% Rentner und Pensionäre aber nur noch 5% Landwirte. Heute dürfte der Anteil der Landwirte an der Gesamtbevölkerung deutlich unter 1% liegen.
  • Gehörten bis zum Ende der 50er Jahre Pferdegespanne und Kuhwagen zum Ortsbild Cappels, und bestellten die Cappeler Bauern noch ihre Felder am „Rollwiesenweg ", im jetzigen „Industriegebiet Süd" oder zu beiden Seiten der „Friedrich-Ebert-Straße", so ist das angesichts der heutigen Verhältnisse kaum mehr vorstellbar. Ein wenig ungläubig dürfte man auch zur Kenntnis nehmen, dass das „Kasseler Sonntagsblatt" im Jahre 1961 ein Bild abdruckte, das einen Cappeler Schäfer mit seiner Herde zeigt und das die Unterschrift trägt: „Dorfidylle in einer Zuwachsgemeinde". 

Aufschlussreich ist schließlich auch der folgende Vergleich:

  1932     1965
Pferdegespanne: 14 Familien        8 Familien
Ochsengespanne:        2 Familien   ---------------
Kuhgespanne: 16 Familien   10 Familien
Schafherden: 2   ----------------
Ziegen: 32 Familien   12 Familien
Traktoren: -----------------   24 Familien

  

Cappel - eine moderne, zukunftsorientierte Gemeinde

Der sich auf alle Bereiche des kommunalen Lebens erstreckende strukturelle Wandel ging Hand in Hand mit einer Veränderung in der Erwartungshaltung der Bürger gegenüber ihrer Gemeinde. Ihre Wünsche, die sie an Cappel als modernes Gemeinwesen stellten, nahmen zu und wurden immer anspruchsvoller. Sie richteten sich nunmehr verstärkt auf die Bereitstellung von Einrichtungen der Daseinsfürsorge, auf angemessene Möglichkeiten zur sinnvollen Freizeitgestaltung wie auch auf die Verbreiterung des kulturellen Angebotes.

Da die Entwicklung der Gemeindefinanzen weiterhin überaus positiv verlief, hielt es der Bürgermeister für gerechtfertigt, sich im Vergleich zu den früheren Pflichtaufgaben künftig „angenehmeren Dingen zuwenden zu können". Er dachte dabei an Schulbauten, Kindergärten, an ein zeitgemäßes Verwaltungszentrum und an Sportanlagen.

Entsprechend ihrer Dringlichkeit und der jeweiligen Finanzierungsmöglichkeiten wurden die einzelnen Projekte Zug um Zug in Angriff genommen: 

 

1. Bauabschnitt „Mittelpunktschule" 1956
  • Bereits 1956 wurde auf dem Nau'schen Grundstück im „Lichten Holz" der erste Bauabschnitt der künftigen Mittelpunktschule errichtet. Der heutige obere Querbau mit vier Klassenzimmern entstand. Mit ihm konnte die unzumutbar gewordene Enge überwunden werden, die im alten Schulgebäude in der Borngasse trotz der Einbeziehung von Behelfsklassenzimmern im angrenzenden Turnhallengebäude entstanden war. 

 

Kinderspielplatz „Am Teich" 1962
  • Am 01.10.1962 erfolgte die Einweihung des Kinderspielplatzes auf dem neugestalteten Teichgelände. „Nach neuesten Erkenntnissen angelegt und wohl der schönste Spielplatz im Landkreis" - so die Festredner - diente er insbesondere den vielen Kindern der neuerbauten „Sohlgraben"-Siedlung als willkommenes Spiel- und Freizeitgelände.
  • Die Gesamtkosten beliefen sich auf 57.000,- DM, woran sich Land und Kreis mit Zuschüssen beteiligten.

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Einweihung des Kinderspielplatzes „Am Teich" 

 

2. Bauabschnitt „Mittelpunktschule" 1965/1966
  • Die Einweihung des 2. Bauabschnittes der neuen Mittelpunktschule konnte am 28.10.1966 feierlich begangen werden.
  • Der Gesamtkomplex umfasste nun 16 Klassenzimmer sowie zusätzliche Fachräume für den Physik- und Chemieunterricht, für Werken und Kochen. Für Schulveranstaltungen und Feiern stand ein großer Gemeinschaftsraum zur Verfügung (Aula), ein Verwaltungstrakt mit Lehrerzimmer und eine Dienstwohnung für den Schulleiter rundeten die Baumaßnahmen ab.
  • An den Gesamtkosten von 1.985.000,- DM beteiligten sich das Land Hessen mit ca. 1.500.000,- DM, der Landkreis Marburg mit 195.000.- DM und die Gemeinde mit ca. 300.000,- DM. 

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Mittelpunktschule - Heute Erich-Kästner-Schule in der Paul-Natrop-Straße

 

Kindergarten „Am Teich" 1969
  • Mit dem Zuzug vieler junger Familien wuchs auch der Bedarf an Kindergartenplätzen. Da die Aufnahmekapazität des evangelischen Kindergartens „Zur Aue" erschöpft war, entschloss man sich zum Bau des ersten gemeindeeigenen Kindergartens. Er wurde in der Nähe des Teichgeländes errichtet.
  • Seine Einweihung fand am 02.01.1969 statt. Es handelte sich um einen modernen Bau mit 2 großen Gruppenräumen, mit Küche, Waschraum, Büroraum und Abstellräumen. Ca. 50 Kinder konnten aufgenommen werden. Ein weiterer Fortschritt war erzielt, doch reichte das Angebot an Kindergartenplätzen noch immer nicht aus.
  • Von den entstandenen Kosten in Höhe von 190.000,- DM trug das Land Hessen 95.000,- DM, der Kreis Marburg 19.000,- DM und die Gemeinde 76.000,- DM.

 

Rathaus 1969
  • Die Expansion der Gemeinde Cappel blieb nicht ohne Folgen für ihre Verwaltung. Um den damaligen und auch künftigen Anforderungen uneingeschränkt gerecht werden zu können, fassten die Gemeindevertreter 1967 den Beschluss zum Bau eines Rathauses. Ziel der Planung war es, „ein Maximum an nutzbarer Fläche bei einer soliden Ausstattung zu einem Preis zu erreichen, der von allen Cappeler Steuerzahlern akzeptiert werden konnte" (OP vom 17.05.1969).
  • Als idealer Standort bot sich das zentral gelegene Gelände an der alten Schule an. Dort errichtete man mit einem Kostenaufwand von 680.000,- DM einen dreigeschossigen Rathauskomplex mit separatem Sitzungssaal.
  • War das Bürgermeisteramt zuletzt in der freigewordenen Schulleiterdienstwohnung in der ehemaligen „Bahnhofstraße" (heute „Zum Rosenmorgen") „eng und in spartanischer Bescheidenheit untergebracht" (ein Festredner), so fanden die Angestellten der Gemeindeverwaltung nun zweckmäßig und modern eingerichtete Räume vor. Auch die Umgebung des neuen Verwaltungssitzes wurde neu gestaltet, so dass ein repräsentativer Bau entstand, den Bürgermeister Hahn als „ ein Haus vom Bürger und für den Bürger" verstanden wissen wollte. 

 

Großsporthalle 1970
  • Die vom TSV Cappel in den Jahren 1932/1933 erbaute Sporthalle, die Vereinen und Schule als Turn-, Spiel- und Festhalle diente, erfüllte mit ihren Abmessungen von 12 m x 18 m seit langem nicht mehr die Anforderungen eines modernen Sport- und Spielbetriebes. Eine wettkampfgerechte Sportstätte mit zeitgemäßer Ausstattung war vonnöten.
  • Nachdem zunächst eine Doppelturnhalle mit einer Spielfläche von 18 m x 33 m vorgesehen war, fiel zwei Jahre später die Entscheidung für den Bau einer dreiteilbaren Großsporthalle mit Zuschauertribüne in den Ausmaßen 42 m x 21 m.
  • Sie wurde am 26.09.1970 im Rahmen einer Veranstaltung der Mittelpunktschule unter dem Motto „Sport-Spiel-Tanz" ihrer Bestimmung übergeben. In einer von verschiedenen Vereinen durchgeführten Sportwoche (an den Wett- und Schaukämpfe statt, die am Wochenende mit einem Trampolinländerkampf gegen England ihren krönenden Abschluss fanden.
  • Die Baukosten für die Halle einschließlich der Aufwendungen für die Außenanlagen beliefen sich auf über 1 Million DM. Für Betriebseinrichtungen mussten 94.000,- DM ausgegeben werden, die Geräteausstattung kostete 69.000,- DM.
  • Wegen der zwischenzeitlich erfolgten Übernahme der Schulträgerschaft durch den Kreis Marburg entstanden der Gemeinde durch dieses Projekt keine finanziellen Verpflichtungen.

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Einweihung der Sporthalle - Am Köppel 

Kindergarten „Am Goldberg" 1971
  • Obwohl in Cappel bereits zwei Kindergärten existierten, überstieg die Zahl der Anmeldungen die der vorhandenen Plätze bei weitem. Wartelisten mit mehr als 100 Namen waren die Folge.
  • So sah sich die Gemeindevertretung gezwungen, einen weiteren kommunalen Kindergarten einzurichten. Da dieser nahezu baugleich mit dem Kindergarten am Teich entstand, konnten die Kosten in den veranschlagten Grenzen gehalten werden.
  • 50 weitere Kindergartenplätze standen durch den Neubau bereit, wenngleich der Bedarf der Zuwachsgemeinde Cappel damit noch immer nicht gedeckt war.

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Goldbergkindergarten in der Goldbergstraße

 

Feuerwehrstützpunkt Cappel 1972
  • Als der Kindergarten am Goldberg seiner Bestimmung übergeben wurde, waren die Bauarbeiten für ein anderes Großprojekt bereits in vollem Gange. In Zusammenarbeit zwischen Land, Kreis und Gemeinde entstand an der „Umgehungsstraße" ein nach modernsten Richtlinien geplanter Feuerwehrstützpunkt.
  • Seine Konzeption erwies sich insofern als beispielhaft, als es mit ihr in überzeugender Weise gelang, die Interessen des örtlichen und regionalen Brandschutzes mit den überregionalen Aufgaben der Aus- und Weiterbildung von Wehrmännern sinnvoll zu verbinden. Entsprechend seiner Funktion als überörtlicher Fortbildungsstätte und als Ausbildungszentrum für die Jungfeuerwehren in Hessen erhielt der Stützpunkt eine großzügige räumliche und sächliche Ausstattung. Cappel erlangte dadurch landesweit Bekanntheit.
  • Die Baukosten betrugen 1,73 Millionen DM. 70% davon übernahmen das Land, den Rest teilten sich Kreis und Gemeinde.

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Feuerwehrstützpunkt in der Umgehungsstraße

Hier können Sie mehr über die Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Cappel erfahren!

 

Bürgerhaus Cappel 1976
  • Das Programm der Großprojekte, das die Entwicklung Cappels zu einer modernen, leistungsfähigen und selbstbewussten kommunalen Einheit eindrucksvoll widerspiegelt, sollte mit dem Bau eines Bürgerhauses seine „Abrundung" erfahren.
  • An diesem Vorsatz wurde konsequent festgehalten, auch als sich bereits abzeichnete, dass die Gemeinde im Zuge der Gebietsreform ihre Selbständigkeit verlieren würde.
  • Der repräsentative Bau, der neben einer Kegel- und Schießanlage, neben Küche, Gaststätte und Gemeinschaftsräumen auch einen großen Festsaal mit Bühne erhielt, wurde im Mai 1976 in festlichem Rahmen seiner Bestimmung übergeben.
  • Während die Cappeler „ihr" neues Bürgerhaus, - nach den Worten des Oberbürgermeisters „ ein Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens und eine Heimstatt für die Vereine" - mit Freude und Stolz in Besitz nehmen konnten, hatte die Stadt Marburg „die Kröte der Finanzierung" zu schlucken. Denn die Stadt war wegen der zwischenzeitlich erfolgten Eingemeindung Cappels zum verantwortlichen Bauherrn geworden und somit zum Träger eines Baukostenanteils in Höhe von 2,2 Millionen DM.
  • Der „städtische Schmerz" darüber hielt sich jedoch in Grenzen, da Marburg mit Cappel einen rundum gesunden Stadtteil hinzugewann, der zudem noch eine Rücklage von 1,4 Millionen DM in die Stadtkasse einbrachte. Da Cappel bereits im Jahre 1973 für dieses Projekt vorsorglich Haushaltsmittel in Höhe von 600.000,- DM bereitgestellt hatte, fiel der Stadt die Übernahme dieser Erblast nicht allzu schwer.

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Bürgerhaus Cappel in der Goethestraße

 

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Cappel um 1900   Cappel 1988

 

 

1974 - 1988

Cappel - ein selbstbewusster Stadtteil

- Die Auswirkungen der Gebietsreform -

 

Zu Beginn der 70er Jahre bereitete die Hessische Landesregierung eine umfassende Verwaltungs- und Gebietsreform vor. Mit ihr beabsichtigte sie in erster Linie, funktionsfähige Verwaltungseinheiten zu schaffen, die sowohl in der Lage wären, den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen der Nachkriegszeit Rechnung zu tragen, als auch die vielfältigen und komplexer werdenden Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

Wenn gleich die von der Landesregierung bekundeten Absichten zum Teil auf heftige Kritik und auf Ablehnung stießen, so wurden die damit verbundenen Chancen vielerorts erkannt und aufgegriffen. In der Folge kam es zu zahlreichen freiwilligen Zusammenschlüssen insbesondere von kleineren Gemeinden.

Von dieser Möglichkeit machten auch die Cappeler Nachbardörfer Moischt, Ronhausen und Bortshausen Gebrauch, die auf Grund eines entsprechenden Bürgervotums den Anschluss an Cappel anstrebten. In ihrer Sitzung am 10. November 1971 stimmten die Cappeler Gemeindevertreter diesen Eingliederungswünschen zu. Die Landesregierung genehmigte den Zusammenschluss, der die Einwohnerzahl der neuen „Großgemeinde" auf über 7.000 ansteigen ließ, mit Wirkung vom 31.12.1971.

Doch nur für kurze Zeit durfte sich Cappel seiner nunmehr gefestigten Stellung als eigenständiger und leistungsfähiger Stadtrandgemeinde erfreuen. Bereits im Februar 1973 veröffentlichte der Hessische Innenminister einen Vorschlag für die Neugliederung der Landkreise Marburg und Biedenkopf, der alternativ auch die Möglichkeit der Eingliederung Cappels in die Stadt Marburgvorsah. So sehr sich die Cappeler Bevölkerung und ihre gewählten Vertreter solchem Ansinnen auch widersetzten, indem sie mit stichhaltigen Argumenten für die Eigenständigkeit der Gemeinde plädierten, auf absehbare Nachteile für das gesamte Marburger Umland hinwiesen und die feste Entschlossenheit bekundeten, notfalls auch den Klageweg zu beschreiten, so fiel die Entscheidung letztlich doch gegen Cappel. 

Laut Gesetz des Hessischen Landtages wurde Cappel mit Wirkung vom 01. Juli 1974 Teil der Stadt Marburg. Die Landesregierung widerstand allen erneuten Protesten und Einwänden und setzte diesen unter anderem die folgende Argumentation entgegen:

  • Durch die ausgedehnte Bebauung sei Cappel de facto bereits zu einer Siedlungsgemeinschaft mit Marburg zusammengewachsen.
  • Die Bevölkerungs- und Sozialstruktur der Gemeinde trage deutlich urbane Züge und werde durch den Zuzug neuer Bürger immer stadtähnlicher.
  • Zwischen der Stadt Marburg und der Stadtrandgemeinde Cappel bestehe seit Jahren eine enge verkehrsmäßige Verflechtung mit nahezu innerstädtischem Charakter.
  • Bei so vielen Gemeinsamkeiten sei es geradezu zwingend, die verwaltungsmäßige Einheit herzustellen, um damit zugleich die Finanzkraft der Stadt zu stärken. 

Mit der 1974 erfolgten Eingemeindung verlor Cappel zusammen mit zahlreichen weiteren Gemeinden der Region seine Selbständigkeit und ist seither in die städtische Gesamtverantwortung einbezogen. Diese obliegt dem Stadtparlament sowie den Gremien der städtischen Verwaltung.

Ihnen gegenüber werden die besonderen Interessen des Stadtteils durch einen gewählten Ortsbeiratund durch seinen Vorsitzenden, den Ortsvorsteher, vertreten. Dieses Amt bekleidet von Beginn an der ehemalige hauptamtliche Cappeler Bürgermeister Conrad Hahn.

Wenngleich also die Eigenständigkeit Cappels verlorenging und in manchen Bereichen der Verwaltung ein Verlust an Bürgernähe zu beklagen war, so wäre es doch unzulässig zu behaupten, dass die Stadt Marburg durch die Eingemeindung Cappels viel gewonnen, Cappel hingegen alles verloren habe. Ebenso falsch wäre es, gar von einem Ende Cappels zu sprechen.

Denn zum einen darf nicht übersehen werden, dass Cappel über viele Jahre von seiner Stadtnähe profitiert hat und einen Teil seiner Attraktivität und seiner beispielhaften Entwicklung den zahlreichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Einrichtungen der Universitätsstadt Marburg verdankt.

Zum anderen erfährt Cappel auch als Stadtteil von Marburg eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Diese vollzieht sich jedoch nicht mehr isoliert und ausschließlich an den Interessen des neuen Stadtteils orientiert, sondern ist nun eingebettet in ein städtisches Gesamtkonzept.  

In diesem Zusammenhang gilt es unter anderem hinzuweisen

  • auf den 1977 begonnenen Ausbau des Behördenzentrums,
  • auf die Erweiterung des Neubaugebietes am Zuckerberg um das Wohngebiet „Cappeler Gleiche" (1978-1983),
  • auf den Ausbau des Liniennetzes im öffentlichen Personennahverkehr. 

Abschließend bleibt festzuhalten:

Mit der Gebietsreform ist die über 800 Jahre währende Ära der selbständigen Gemeinde Cappel zu Ende gegangen.

Eine neue Epoche hat begonnen. In ihr wird die Geschichte Cappels eine Fortsetzung finden als die Geschichte eines eng mit den Geschicken Marburgs verwobenen Stadtteils. 

 

Schlussbemerkung

Wenn man heute mit Fug und Recht davon sprechen kann, dass sich trotz des anfänglichen Widerstands die Integration Cappels in die Stadt Marburg relativ unproblematisch und reibungslos vollzog, so hat die Gemeinde ihre über viele Jahre gewachsene Identität doch nicht aufgegeben, sondern sie selbstbewusst bewahrt und gepflegt.

Nach wie vor entfaltet Cappel ein starkes Eigenleben und beweist inneren Zusammenhalt. Der Wille und die Bereitschaft vieler Bürger, sich mit „ihrem" Cappel zu identifizieren, besteht fort. Er findet sichtbaren Ausdruck in dem traditionell regen Vereinsleben wie auch in den vielfältigen privaten Initiativen der Bürger. Die zielstrebige und engagierte Vorbereitung der 850-Jahrfeier ist dafür der beste Beweis.

Vor diesem Hintergrund wird Cappel auch als Stadtteil Marburgs Zukunft haben und stets auf Bürger verweisen können, die mit gewissem Stolz von sich behaupten, ein „Cäppler" zu sein.

 

 

850-Jahrfeier

 

850-Jahrfeier

 

Eine Gemeinde, die auf eine 850jährige Vergangenheit zurückblicken kann, darf für sich in Anspruch nehmen, dieses Ereignis in einem festlichen Rahmen zu begehen.

Die Gemeinschaft der Cappeler Bürger gestaltete ihre 850-Jahrfeier in der Zeit vom 31. Mai bis 4. Juni 1989

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Die 850-Jahrfeier wurde mit einem Festkommers am Donnerstag im Bürgerhaus eröffnet. Rund 400 Vertreter aus Politik, heimischer Wirtschaft und öffentlichem Leben haben am Donnerstag das 850jährige Jubiläum Cappels in einem 2½ stündigen Festkommers feierlich begangen.

Oberbürgermeister und Schirmherr Hanno Drechsler bescheinigte den Cappelern in seiner Festansprache eine hohe Fähigkeit zur Integration, eine Eigenschaft, die sich In zweifacher Hinsicht zeige: Zum einen seien die vielen Zugezogenen von den 'echten' Cappelern seit jeher mit offenen Herzen aufgenommen worden, was In Marburg gar nicht so selbstverständlich sei. Zum anderen habe sich Cappel nach seiner Eingemeindung im Jahr 1974 trotz anfänglicher Schwierigkeiten bestens in die Stadt Marburg integriert. Jedoch habe sich die Dorfgemeinschaft trotzdem ihr ausgeprägtes Selbstbewusstsein und ihren eigenständigen Charakter bewahrt.  

Zum Geburtstag schenkte die Stadt Marburg ihrem größten Ortsteil 10.000 DM, die zur Errichtung eines Brunnens verwendet werden sollen. In einem Festvortrag erinnerte Ernst Stahlenberg an die 850jährige Geschichte des ehemaligen „Hausdorfs" von Marburg. Diese Geschichte sei in den ersten 800 Jahren hauptsächlich durch Armut und Unterdrückung gekennzeichnet gewesen. Umso bemerkenswerter sei daher der enorme wirtschaftliche Aufschwung Cappels nach dem Krieg. Dass der Ort schließlich auf dem Gipfel seiner Blütezeit in die Universitätsstadt Marburg eingemeindet wurde, sollte jedoch, so Hr. Stahlenberg, kein Grund sein, die Geschichte Cappels damit als beendet anzusehen. Cappel habe vielmehr „auch als Stadtteil Marburgs eine Geschichte und eine Zukunft." 

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Als Vertreter von Landesregierung und Landkreis überbrachten auch Kultusminister Christian Wagner und Landrat Dr. Kurt Kliem, beide ehemalige Cappeler, dem Ortsteil ihre Gratulationen und wünschten ihm vor allem auch weiterhin den Erhalt seiner Eigenständigkeit. Stellvertretend überreichte Dr. Kliem abschließend dem Cappeler Bürgermeister und Vorsitzenden des Festausschusses Conrad Hahn die Ehrennadel des Landkreises Marburg-Biedenkopf für den Ortsteil Cappel. 

Der gelungene musikalische Rahmen des Abends wurde von verschiedenen Cappeler Gruppen gestaltet und reichte von einer folkloristischen Darbietung der Trachtentanzgruppe der Mittelpunktschule bis zu einer modernen Formation der Jazz-Tanzgruppe des TSV Cappel. Auch nach dem Ende des offiziellen Festaktes ließen sich die Cappeler die Freude am Feiern nicht nehmen und verbrachten den weiteren Abend mit Musik, Tanz und Geselligkeit. Blieb das Wetter am Samstag trotz manch bangen Blicks zum Himmel zunächst trocken, setzte am Nachmittag pünktlich zu Sport, Spiel und Unterhaltung für Kinder und Jugendliche der Regen ein. Der widrigen Umstände zum Trotz fanden sich dennoch viele Besucher auf dem August-Bebel-Platz ein, so dass sich die Mühen des TSV, der unter Mithilfe des Tennisvereins diese Veranstaltung durchführte, lohnten. Der evangelische Kindergarten musste sein Programm vorwiegend in die Innenräume verlegen und erfreute dort die Kleinen mit dem Stehpuppenspiel, einer Märchenerzählerin und einem Jongleur.

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Einen Andrang, wie man ihn zuletzt in Cappel lange nicht mehr erlebte, verzeichnete am Abend das Festzelt an der Umgehungsstraße. Rund 2.000 Menschen dürften es gewesen sein, die dort feierten und zur Musik der „Thannhausener Musikanten" fleißig tanzten. Quasi als Höhepunkt des Abends zeigte das Sextett aus der Steiermark dem begeisterten Publikum eine Mitternachts-Show. Rund 1.000 Jugendliche kamen bereits am Freitag bei einem Rockabend mit den Gruppen „Tscheers", „The Fridges" und „Lewd Preacher" auf ihre Kosten. 

Am Nachmittag zuvor ging ebenfalls im Festzelt an der Umgehungsstraße das HR4- „Lahnjournal" über die Bühne und direkt in den Äther. Als musikalische Gäste wirkten das Gesangsduo „Sophia & Ron" sowie Guntmar Feuerstein von den „Strandjungs" mit. Es sang die Chorgemeinschaft des MGV unter Leitung von Horst Holzhausen. Ortsvorsteher Hahn beschrieb den Ort, in dem er eigentlich noch immer „der Bürgermeister" ist. Dorfveteran Gotthardt Jäger (81) erzählte Anekdoten aus dem alten Cappel. Bernhard Hermann berichtete von seiner Raritäten-Ausstellung. Georg Völker wies für seine Bürgerinitiative auf das Bemühen um eine Verkehrsberuhigung im alten Ortskern hin. Nach dem Festgottesdienst gestern am Vormittag in dem erneut mit rund 1.000 Gläubigen besetzten Festzelt unter Mitwirkung des Posaunenchores und der Chorgemeinschaft klang die 850-Jahr-Feier im Anschluss an den Festzug mit: Tanz und Unterhaltung aus. 

Der Höhepunkte der 850-Jahrfeier war der große Festzug am Sonntag, den 04. Juni 1989.

Rund 5.000 Zuschauer säumten die Straßen um den mit 80 Wagen und Gruppen sowie neun Musikgruppen und Spielmannszügen bisher größten Festumzug in Cappel beizuwohnen. Etwa 700 Aktive machten beim Festumzug mit. 

Gegen 14 Uhr setzte sich der große zwei Kilometer lange Festumzug vom Steinmühlenweg über die Umgehungsstraße, Ronhäuser Straße, Marburger Straße, Sommerstraße, Im Lichtenholz, Neue Straße, Marburger Straße und Zur Aue in Bewegung.  Dieser löste sich dann im Kreuzungsbereich „Zur Aue/Umgehungsstraße" auf. Den Festumzug führten mit dem Eröffnungsschild das Cappeler Pärchen „Capp“ (Stefan Ott) und „Cäppchen“ (Lea Rost) in Cappeler Tracht an. Ihnen schlossen sich der Musikzug-Mardorf, der Wagen der Ehrengäste, der Schirmherr und der Festausschuss an. 

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Der Festzug war in vier Teile gegliedert: den historischen Teil, „Handwerk und Brauchtum", „Cappel und seine Nachbarn" sowie „Unsere Vereine gestern und heute". 

 

Historischer Teil

Spielmannszug Buchenau, Die Erste Nennung von Cappel, Die Adelsfamilie von Cappel, Namensträger von Cappel, Der Burgsitz der von Cappel, Die Steinmühle erscheint, Guda  von Cappel/Die Wunderheilung; Johann von Diedensdorf, Die Fischerei von Cappel, Der Deutsche Orden und Cappel, Der Schäfer von Cappel, Die Einsiedelei bei Cappel, Der Hexenwahn in Cappel, Der Ortsdiener von Cappel, Die Main-Weser-Bahn, Die Gemeindeschwesternstation, Die Gebietsreform und die Beerdigung der Gemeinde Cappel.

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Handwerk und Brauchtum

Egerthaler Musikanten, Trachtengruppe der MPS Cappel, Brautwagen/Volkstanzgruppe Beltershausen, Hochzeltsgesellschaft/Volkstanzgruppe Beltershausen, Spinnstube/Wiegand, Dreschende Bauern, Der Steinmetz, Trachtentanzgruppe und Kapelle Wohra, Erntegeräte/Pferdefreunde Cappel, Der Schmied, Die Kleinbauernfamilie Cappel, Der Zimmermann.

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Cappel und seine Nachbarn

Spielmanns- und Fanfarenzug Wißmar, Klasse 3b der MPS, Radsportverein Marburg, Stadtteil Moischt, Stadtteil Bortshausen, Stadtteil Ronhausen/Feuerwehr, Stadtteil Hermershausen, Hessische Jugendfeuerwehr, Michelbacher Vereine, Spielmanns- und Fanfarenzug Marbach, Oberstadtgemeinde, TÜH Cappel, Gaststätte Carle, Steinmühle Cappel, Firma Emmerich, Firma John, Marburger Brauerei, Hotel „Seebote", Stadtteil Wehrda/Trachtentanzgruppe, Milchbank Niederwalgern, Bürgerverein Gisselberg, Jugendblasorchester TSV Marburg-Ockershausen, Afföllergemeinde, Bürgergarde Weidenhausen, Motivwagen der Stadt Marburg, Ketzerbachgesellschaft, Firma Coca-Cola/Cappel.

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Unsere Vereine. gestern und heute

VfL Blasorchester, Feuerwehr Cappel, TSV Cappel, Rassegeflügelzuchtverein Cappel, Verkehrsverein Cappel, MGV Cappel, Kleingartenverein Zuckerberg, Thannhausener Musikanten, Schützenverein Cappel, Tennisverein Cappel, Siedlergemeinschaft Zuckerberg, Cappeler Laufverein, Hundefreunde Cappel, Burschenverein Cappel mit Kapelle, Cappeler Kochclub, FSV Cappel-Jugendabteilung, Gemeindevertreter vor 1974, Automobile Werner Schneider.

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Bebauung

Bebauungsmaßnahmen nach 1945

Ein Überblick über die Baulandgewinnungsmaßnahmen und Bebauungspläne der Gemeinde

 

Oktober 1946

Beratung und Beschlussfassung über ein Wohnungsnotprogramm. Freigabe von Baugelände für die Wohnungs- und Siedlungsbaugenossenschaft in Cappel.

 

Mai 1947

Von Gartenlandparzellen, um die herrschende Lebensmittelknappheit zu lindern (Anbau von Kartoffeln und Gemüse).

 

Oktober 1947

Beschlussfassung über den von den Architekten Hebebrand und Freiwald erstellten 1. Bebauungsplan für Cappel.

 

Juni 1949

Bereitstellung von Bauland „Am Zuckerberg" . 0,50 DM pro qm Bauland, weitere 0,50 DM wurden für Erschließungskosten sowie für die Kanalisation erhoben.

 

Mai 1951

Der 2. Bebauungsplan wird für das Gelände „Am Köppel" beschlossen.

 

Juli 1953

Beschluss über den Ankauf von Baugelände von der Forstverwaltung an der Straße „Zum Neuen Hieb". Kosten 3,- DM pro qm.

 

März 1959

Bebauungsplan Nr. 3 wird beschlossen. Es betrifft das Gelände „Im Lichten Holz" und „Auf dem Köppel".

 

Januar 1960

Erwerb von Baugelände „Im Sohlgraben" vom Fiskus.

 

August 1960

Der Bebauungsplan Nr. 4 wird beschlossen. Betrifft: Sohlgrabengebiet.

 

April 1961

Beratung über einen neuen Bebauungsplan im Gebiet „Am Rödchen", „Zur Birke" und „Grundwiesenrain".

 

August 1961

Erneute Beschlussfassung über den Bebauungsplan im Bereich „Im Lichten Holz".

 

Februar 1963

Beschlussfassung über den Bebauungsplan Nr. 5 „Zuckerberg / Hahnberg". Im Laufe der Jahre entstehen dort 59 Gebäude.

 

Mai 1963

Beratung über den Bebauungsplan Nr. 4 Bereich „Köppel / Sohlgraben". Dort werden 93 Gebäude gebaut. 

 

Dezember 1963

Der Bebauungsplan Nr. 8 für das Gebiet „Im Lichten Holz" und „Am Koppel" wird beschlossen. Heute stehen dort 209 Gebäude.

 

September 1964

Bebauungsplan Nr. 7 für das Gebiet „Vogelherd", Flur 9 und 12 liegt vor. Beschluss zur Bebauung wird gefasst. Es entstehen 91 Ge­bäude.

 

August 1965

Bebauungsplan Nr. 6 „Zur Birke" Durchführung eines Baulandumlegeverfahrens in diesem Gebiet. Inzwischen gibt es dort 120 Gebäude.

 

Februar 1969

Für den Bebauungsplan Nr. 8a „Am Köppel" und „Im Lichten Holz" erfolgt ein weiterer Beschluss.

 

November 1970

Im Bebauungsplan Nr. 8a werden 3,5 ha Land für ein Behördenzentraum ausgewiesen.

 

Mai 1972

Die Bebauungspläne Nr. 9 „Zum Neuen Hieb, Cappeler Gleiche" und Nr. 10 „Zur Birke", „Am Vogelherd" werden beschlossen. Heute stehen dort 48 Gebäude (Nr. 9) sowie 68 Gebäude (Nr. 10)

 

Dezember 1972

Baulandumlegung im Bereich der Bebauungspläne Nr. 9 und Nr. 10

 

Januar 1973

Beschlussfassung über einen Bebauungsplan für das Gebiet „Auf dem Halmburger".

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Der "Köppel" vor der Bebauung   ... nach der Bebauung

 

Die Bautätigkeit ging auch nach der Ge­bietsreform im Jahre 1974 weiter. Die Pla­nung erfolgte nun zentral vom städtischen Bauamt aus. Neues Baugelände wurde erschlossen, neue Bebauungspläne entstanden. Inzwi­schen hat man für den Bereich Cappel be­reits den Plan Nr. 16 erstellt. (Vgl. die Karte in der Anlage!)

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Bebauungsplan

 

Brauchtum

Einiges über das Brauchum im alten Cappel

Erzählt von Konrad Muth; Zeichnungen von Kurt Schneider

 

In der Festschrift, die eine kurz gefasste Geschichte Cappels enthält, sollte ein Beitrag darüber nicht fehlen, wie die Großväter- und Urgroßvätergeneration in ihrer Jugend Feste feierte und altes Brauchtum pflegte. Vieles ist inzwischen anders geworden, unser Dorf wurde größer, fortschrittlicher, „moderner". Schön war es in Cappel aber schon immer, auch damals, als wir noch jung waren. Aus dieser Zeit will ich einiges berichten. Erlebtes und Gehörtes, das ich von anderen, noch älteren Cappelern, erzählt bekam.

Cappel war in unserer Jugendzeit noch ein armes Dorf. Außer einigen größeren Bauern lebten hier überwiegend Kleinhandwerker, Arbeiter und Kleinbauern. Bei den „geringen Leuten" wurden viele Ziegen gehalten, die Ziege war „die Kuh des kleinen Mannes". Nach Möglichkeit wurden in den meisten Familien ein bis zwei Schweine großgezogen und geschlachtet.

Im Oktober jeden Jahres wurde die Kirmes gefeiert, oder einer der alten Vereine, z. B. der Pfeifenclub oder Radfahrverein, veranstaltete ein Fest. 

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Für weitere Geselligkeit, besonders während der kalten Jahreszeit, sorgten die Spinnstuben. Sie wurden in den Elternhäusern der Mädchen abgehalten, wo sich dann im Laufe des Abends etliche Burschen einfanden. Viele Paare haben sich in den Spinnstuben kennengelernt und später auch geheiratet. Mit Kuchen, Kreppel und manchmal auch mit richtigem Kaffee wurde im Februar die Abschluss-Spinnstube abgehalten. In den früheren Jahren spann man Wolle zu Garn oder strickte, später wurde dann nur noch gestrickt und gehäkelt.

Es gab aber auch einen gemütlichen Teil. Zwischendurch erzählte man über den einen oder den anderen die letzten Neuigkeiten, es wurde gelacht und gesungen, und erst zu später Abendstunde ging man nach Hause.

Im Sommer, oder überhaupt bei schönem Wetter, trafen sich am Sonntagnachmittag die Burschen und Mädchen zum Tanz. Zu diesem Zweck war in einer Waldecke im neuen Hieb ein festgestampfter Lehmboden angelegt. Sitzgelegenheiten boten Baumstämme, Baumstümpfe oder der angrenzende Wiesenrain. Ein Fass Bier wurde bei einem Wirt gekauft und mit zwei Stangen, die mit Seilen verbunden waren, zum Tanzplatz gebracht.

Zum Tanz spielten die beiden Cappeler Daniel Zick oder Georg Kühn auf. Ihr Instrument war eine Ziehharmonika. Ob es schon vor den beiden in Cappel Musikanten gab, ist mir nicht bekannt. Georg Kühn spielte noch bis ins hohe Alter. Beide leben nicht mehr.

Um die Jahrhundertwende schlossen sich in Cappel die unverheirateten Burschen immer mehr zusammen. Sie konnten nun Kirmes und Tanzvergnügen selbst in die Hand nehmen. Die Burschen stellten am Pfingstsamstag den Pfingstbaum auf, eine große, schlanke Birke und zwar an der Gastwirtschaft, in der am 2. oder 3. Feiertag ein Tanzvergnügen stattfinden sollte.

Alt und Jung tanzte damals Rheinländer, Schottisch, Walzer, Schieber oder ein „Siehste nit do kimmt er, lange Schritte nimmt er" usw., die so genannte Kreuzpolka. Eingeführt wurde zu dieser Zeit das Weinkofsingen (Weinkauf).

Aus diesem Anlass versammelten sich die Burschen vor dem Elternhaus eines verlobten Paares (wie heute etwa beim Polterabend) und brachten dem Brautpaar ein Ständchen. Gesungen wurde ein Weinkoflied oder ein Volkslied, das vorher geübt worden war. Der Braut kamen oft ein paar Tränen; die Burschen freuten sich über einen Schnaps.

Der erste Weltkrieg lichtete die Reihen der Burschen. Viele junge Cappeler fielen, und das gesellige Brauchtum kam zum Erliegen. Anfang der zwanziger Jahre aber fand sich die Burschenschaft wieder zusammen, sie war zahlenmäßig stärker geworden. Nun war sie in der Lage, die Kirmes, die vorher immer ein Wirt veranstaltete, selbst durchzuführen.  

Im Jahre 1921 wurde die Kirmes in den neuerbauten Räumlichkeiten der Gastwirtschaft Nau abgehalten. Kassierer war zu dieser Zeit der noch lebende 93 Jahre alte ehemalige Landwirt Heinrich Wissner. Für die jungen Leute von damals war es ein gelungenes Fest. Die meisten Cappeler Bürger waren gekommen, und es wurde tüchtig gefeiert. Den Höhepunkt bildete der Teil des Abends, an dem unter anderem ein Hauptakteur von einem Schornsteinfeger in einem Schub­karren durch den Saal gefahren wurde. Von dem Erlös der Kirmes leisteten sich die Burschen ein Gänseessen.

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Die Kirmes wurde später im Beisein der ganzen Burschenschaft und einer Anzahl sonstiger Schaulustiger am Sportplatz am Teich begraben. Man vergrub hier eine Flasche Schnaps, die dann im kommenden Jahr wieder ausgebuddelt werden musste. Die Grabrede hielt zu jener Zeit Walter G. Er war während dieser „Beerdigung" so bewegt, dass er dabei geheult haben soll. Weil er bei seiner Rede einen Talar trug, gab es noch ein gerichtliches Nachspiel, das aber glimpflich ausging.

Ein anderer Brauch war, dass im Herbst noch ein so genannte „Dippe kloppe" durchgeführt wurde. Ein auf einen Stock gestülptes „Hoingdippe" (Steintopf) musste mit verbundenen Augen mit einem Dreschflegel zerschlagen werden. Dazu wurde der Schlagende ca. 10 m weit vom Topf wegge­führt und noch einige Male im Kreis gedreht. Der oder die Sieger bekamen einen Preis und anschließend gab es eine große Feier. Diese Feste wurden bis in die zwanziger Jahre veranstaltet. Wir machen nun aber einen Sprung in das Jahr 1931, in dem ich als junger Bursche selbst in die Burschenschaft aufgenommen werden wollte. Die Burschenschaft bestand zu dieser Zeit aus ca. 35 unverheirateten Burschen. Vorstand war der heute noch le­bende, über 80 Jahre alte Schuhmachermeister Ludwig Hahn.

Es ging auf Pfingsten zu und die Bürger schmückten ihre Häuser, Hoftore und Zäune mit frischem Birkenreisig, wie in jedem Jahr. Samstagnachmittag wurde mit einem Fuhrwerk ein vorher gefällter Birkenbaum (Pfingstbaum) zur Gastwirtschaft gebracht und mit viel Aufwand in das vorhandene Loch gesetzt. Am 2. Pfingstfeiertag war es dann soweit. Wir, die jungen Zugänge, genannt „Hoierlochsbosch", waren voller Erwartung, was nun auf uns zukommen würde. 

Am Spätnachmittag versammelten sich alle Burschen bei der Gastwirtschaft Seibert. Wir vier Jungen bekamen zwei Weidenkörbe und dann marschierte alles los. In gewissen Abständen wurde vor den Häusern gesungen. Wir mit den Körben mussten sammeln. In der Hauptsache waren es Eier und Speck. So zogen wir durch den ganzen Ort, und als sich die Körbe gefüllt hatten, ging es wieder zurück zu Seibert. Hier war das Fass Bier schon angezapft und bald brutzelten auch die Eier mit Speck. Es wurde erst einmal gegessen und getrunken. Nachdem wir „Hoierlochsbosch" vom Burschenältesten begrüßt worden waren, durften wir unser Burschengeld bezahlen und waren damit in die Burschenschaft aufgenommen.

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Das Wichtigste aber kam erst noch: Die ledigen Mädchen aus dem Ort sollten gestrichen (versteigert) werden. Nach einer Liste wurden die Namen aufgerufen, und wer mit einem Mädchen befreundet oder an ihr interessiert war, bot einen im Rahmen bleibenden Geldbetrag, bis er den Zuschlag bekam. Die schönsten Mädchen waren selbstverständlich auch am teuersten. Nach Möglichkeit sollten alle Mädchen versteigert werden, denn es war eine Blamage für diejenige, die nicht gestrichen wurde. Sie war dann Dorfgespräch und zeitweilig sogar an der Backhaustür mit Namen veröffentlicht. Die halbe Nacht hindurch wurde gefeiert und in der Kasse der Burschenschaft war wieder Geld. Am nächsten Vormittag, also am 3. Feiertag, holten sich die Burschen bei ihren gestrichenen Mädchen einen Blumenstrauß ab und luden es zu dem am Nachmittag stattfindenden Tanzvergnügen ein. Sonstige Verpflichtungen brauchten die Mädchen nicht einzugehen, ebenso auch nicht die Burschen. Alles war mit dem ersten Tanz abgetan - oder auch nicht - denn für einige wurde daraus oft auch der „Tanz fürs Leben".

„Ho, ho, ho die Fousenacht es do, en wand ihr mir kenn Gräwe gebt, dann lege ach oc die Hoiher net" usw. So hörte man in den Nachmittagsstunden des Fastnachtsdienstags die Kinder in den Dorfstraßen rufen. Mit selbst angefertigten Holzpießen sammelten sie die Gräwe (Speck­scheiben, Wurst oder manchmal auch ein paar Groschen). Es war ein altes Recht ebenso wie das Ährenlesen, Kartoffelstoppeln oder in den Wäldern Holz, Gras, Laub und Moos holen.   

„Deppe rääche" wurden von den Kindern oder Leuten dort durchgeführt, wo gerade geschlachtet worden war. Deppe rääche (Topf reichen) dazu wurde dann gesagt: „Ich hu gehout, ihr hout geschloucht, on e goure Wouscht gemoucht, gebbt mir e vo de Lange, die koze dä lest hange". 

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Seit längerer Zeit schon war es Brauch, dass einige Eltern für ihre Töchter einen „Breuwaa" herrichteten, wenn nach der Hochzeit in das Haus des Bräutigams umgezogen werden sollte. Diesen Brautwagen konnte sich nicht jeder leisten, denn ihn auszustatten war eine kostspielige Angelegenheit. Dazu kam noch, dass einer den anderen übertrumpfen wollte. Der Brautwagen selbst war ein großer Leiterwagen (Heuwagen), der mit der Aussteuer der Braut beladen wurde. Die Aussteuer (Möbel, Wäsche, Geschirr usw.), die von den Eltern im Laufe der Zeit unter finanziellen Opfern angeschafft worden war, musste auf dem großen Wagen untergebracht werden. Die schweren Möbel kamen nach unten, die Truhen wurden gut sichtbar aufgebaut, den Abschluss bildete oben auf dem Wagen das Sofa. Vorne am Wagen hingen die bunt geschmückten Wäschekörbe und in der Mitte war der prachtvolle "Goellkorb" - Patenkorb - zu sehen. Nun erst konnte die Fahrt losgehen.

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Die Brautjungfern und die anderen Mädchen nahmen auf dem quergestellten Sofa Platz. Der Kutscher ritt noch dreimal um den Wagen, ehe er mit Peitschenknall losfuhr.

Pferde und Kutscher waren mit kleinen Blumensträußchen geschmückt. Mehrmals wurde der Wagen unterwegs von Burschen angehalten. Der Kutscher schenkte dann aus einem geschmückten Krug, den er an einem bunten Band um die Schulter trug, einige klare Schnäpse ein.

 

Aus dem Schulleben

Die Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Der Schüler von damals, Gotthardt Jäger, erzählt: Es war in der alten Schule in der Marburger Straße, dort, wo heute die Bäckerei Hoffmann steht. Nur zwei Klassenräume waren vorhanden. In dem einen wurde die Jahrgangsstufe des 1. - 4. Schuljahres unterrichtet, im anderen die Schüler der Oberstufe. 50 und mehr Kinder hockten damals in viel zu kleinen Räumen eng nebeneinander. Kaum vorstellbar, wenn man mit heute vergleicht.

Einmal sollte im Unterricht das Aufsatzschreiben geübt werden. Thema: „Unsere Schule".

Nach einigen Erklärungen und Hinweisen des Lehrers fingen wir mit dem Schreiben an. Wir waren mit viel Eifer bei der Sache. Gegen Ende der Stunde sollte vorgelesen werden. Einer von uns, in dem Glauben, er hätte etwas Gutes zustande gebracht, meldete sich. Er wurde aufgerufen, begann mit dem Lesen, und wir hörten aufmerksam zu.

Doch da war ein Satz, der ihm offenbar aus dem Herzen kam, für unseren Lehrer aber problematisch schien. Dieser lautete: „Wir befinden uns in einer Schule, in der die Schüler wie Heringe aufeinander hängen".

„Stopp!" - Der Vorleser musste unterbrechen, der Lehrer zog die Brauen hoch, räusperte sich und sagte dann bestimmt: „Diesen Satz streichst du!" Der Schüler stutzte, befolgte auch die Anweisung des Lehrers, doch abschließend bemerkte er:  „Es ist aber wahr!“

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Cappeler Schüler, im Schuljahr 1906   

Gedichtvortrag

An ein anderes nettes Erlebnis aus meiner Schulzeit erinnere ich mich auch noch gut. Es muss Anfang der 20er Jahre gewesen sein. Wir hatten das Gedicht „Nis Randers" auswendig zu lernen, in dem es zu Beginn heißt: „Krachen und Heulen und berstende Nacht, Dunkel und Flammen in rasender Jagd-ein Schrei durch die Brandung!"

Für uns damals ein langes und schweres Gedicht, und jeder war beim Aufsagen müssen froh, ohne allzu viele „Kunstpausen" ans Ende zu kommen. „Bring es nur hinter dich", das war der Gedanke der meisten Schüler.

Eines Tages kam der Schulrat in die Deutschstunde. Das Gedicht war gerade dran. Einige von uns mussten es nun aufsagen. Strophe für Strophe hörte der Schulrat aufmerksam zu. Seine Miene verriet, dass er mit unserem Vortrag nicht ganz einverstanden war. Immer wieder schüttelte er den Kopf, schaute recht bedenklich unseren Lehrer an, unterbrach dann den Unterricht und wandte sich an die Klasse: „Ihr habt zwar das Gedicht gut gelernt, aber gefallen hat mir euer Vortrag nicht. Er war mir zu eintönig, vom Krachen und Heulen des Sturmes habe ich überhaupt nichts gemerkt. Das aber sollte bei einem guten Gedichtvortrag schon deutlich herauszuhören sein. Wer will es denn noch einmal probieren?" Stille - keiner meldet sich! Darauf der Schulrat: „Na, dann will ich es euch mal zeigen, wie man ein so schönes Gedicht vorträgt".

Der Schulrat nimmt das Lesebuch in die Hand und tritt vor die Klasse. Er beginnt mit dem Lesen; seine Stimme klingt ganz natürlich. Je mehr er beim Vortrag sich dem Höhepunkt im Gedicht nähert, umso lauter spricht er. Um das Toben der Elemente noch deutlicher werden zu lassen, schlägt er an der Stelle, wo es im Gedicht heißt „Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz! Nun muss es zerschmettern ...!" mit der flachen Hand kräftig auf das Lehrerpult und beendet we­nige Strophen später seinen Vortrag, darauf hoffend, uns beeindruckt zu haben.

Doch statt des erwarteten Staunens bricht die Klasse in schallendes Gelächter aus. Und der Schulrat? Er klappt enttäuscht das Lesebuch zu - ohne weiteren Kommentar!

 

Bomben auf Cappel im März 1945

Sich erinnernd berichtet ein Zeitzeuge über den Bombenangriff und die letzten Kriegstage zehn Jahre später in der „Oberhessischen Presse":

Um die Mittagszeit des 12. März 1945, als sich die Einwohner nach erfolgtem Alarm wiederum in ihre Keller begeben hatten und zahlreiche Bombendetonationen aus Richtung Marburg vernehmbar wurden, nahte auch für Cappel das Verhängnis.

Bei dem herrschenden diesigen Wetter hatten die Flieger wahrscheinlich ihre Abwurfziele (Marburger Südbahnhof, Wehrmacht und Ausrüstungsdepot sowie Gleisanlagen) verfehlt, und so er goss sich der Bombenhagel über unser Dorf, hauptsächlich auf das Unterdorf.

13 Scheunen und ein Wohnhaus gingen in Flammen auf, weitere Gebäude wurden zum Teil schwer beschädigt, darunter die an der Marburger Straße gelegene Schule, die zu dieser Zeit ein Lazarett beherbergte und die durch eine Sprengbombe zur Hälfte vernichtet wurde. Wenn die vielen hundert Bomben, welche auf den ans Dorf grenzenden Gärten und Feldern, hauptsächlich aber in den Wäldern der Lahnberge niedergegangen waren, Cappel getroffen hätten, wäre vom Ort wahrscheinlich nicht mehr viel übrig geblieben.

Als sich das Gedröhne der Flugzeuggeschwader in der Ferne verlor und die ins Freie eilenden Dorfbewohner ans Löschen der brennenden Gebäude herangingen, versagte die Wasserleitung. Es stellte sich heraus, dass eine Sprengbombe auf der Straße Cappel-Ronhausen das Hauptrohr der Wasserleitung getroffen und diese unterbrochen hatte.

Schnell holte man Eimer herbei und bildete unter andrem vom sogenannten Weibrunnen aus Eimer-Ketten, um zu retten, was noch zu retten war.

Am nächsten Tag machten sich sämtliche verfügbaren Einwohner an die Arbeit, um das zerstörte Hauptwasserrohr schnellstens wieder instand zu setzen, was auch innerhalb eines Tages gelang.

Die Tage bis zum Einmarsch der Amerikaner brachten zahlreiche Tieffliegerangriffe, denen am 19. März 1945 ein 14jähriger Junge zum Opfer fiel. Am 28. März 1945 nahten auf der Ronhäuser Straße die amerikanischen Panzer, ebenso wie jenseits der Lahn auf der Gisselberger Straße.

Cappel selbst blieb beim Einmarsch der Amerikaner dank der Einsicht seiner Bewohner, die den Wahnwitz einer Verteidigung ablehnten, unversehrt. Ein alter, früherer Soldat ging ihnen auf der Straße in Richtung Ronhausen mit weißer Flagge entgegen. Ebenso hatte irgendein Einwohner am Kirchturm eine weiße Fahne angebracht.

Die einrückenden Kampftruppen benahmen sich korrekt.

 

Cappeler Wappen

Die Entstehungsgeschichte des Cappeler Wappens

von Gotthardt Eßbach

 

Die sehr eindrucksvolle Entwicklung Cappels nach dem zweiten Weltkrieg trug mit dazu bei, dass die Bevölkerung dieser Vorstadtgemeinde Marburgs mit einer gewissen Berechtigung stolz auf die von ihr erbrachten Leistungen sein konnte.

Besonders deutlich trat dieses Selbstbewusstsein bei den Gemeindevertretern zutage, die zukunftsorientiert und manchmal auch mit einer gewissen Risikobereitschaft planten. So war auch der Gedanke einiger Gemeindevertreter gar nicht so abwegig, die vorschlugen, die Eigenständigkeit Cappels durch ein Wappen zu dokumentieren.

In einer von Bürgermeister Hahn angeregten Zusammenkunft trafen sich bereits zu Beginn der 60er Jahre interessierte Bürger, um dieses Thema zu diskutieren und nach Möglichkeiten zu suchen, die Idee auch zu realisieren. Teilnehmer in diesem ersten Gesprächskreis waren auch Vertreter des Landschulheimes Steinmühle, die sich bereit erklärten, in Zusammenarbeit mit den Kunsterziehern der Schule Entwürfe zu skizzieren und Vorschläge zu unterbreiten.

In der damaligen Zeit wirkte Herr Prangel als Kunsterzieher an der Steinmühle, der hochbetagt heute seinen Lebensabend in Marburg verbringt. 

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Mühlenräder der Steinmühle vor 1970

 

Aus einem Gespräch mit ihm erfuhr ich Einzelheiten über die Entstehungsgeschichte des Cappeler Wappens und auch über die Beweggründe, warum er gerade ein Mühlrad als Hauptmotiv für dieses Wappen wählte.

Der Kunsterzieher wusste aus der Heimatgeschichte von den gegenseitigen Beziehungen, die schon seit Jahrhunderten zwischen den Bewohnern Cappels und „ihrer" Mühle an der Lahn bestanden.

Tagtäglich begegnete Herr Prangel dem mächtigen Mühlengemäuer, dem alten Mühlgraben. Er beobachtete die Wellen, sah das Wasserrad an der Mühle, für ihn Zeugen entschwundener Tage, aber auch zugleich Mahner an die Vergänglichkeit.

Dieses dauernde Konfrontiert sein mit den Wahrzeichen der Mühle festigte in ihm den Gedanken, dass zumindest eines von ihnen sich auch als Symbol für das Cappeler Wappen eignen müsste. Beim Entwerfen galt es zum einen die Gesetze der Heraldik zu beachten, zum anderen ging es für ihn aber auch um Aussagekräftigkeit, Zuordnung der Symbole, Farbgebung und Gestaltung zu einem Ganzen. 
 

Prangel entwarf, zeichnete, korrigierte, kombinierte - und glaubte nach vielen Versuchen endlich die Lösung gefunden zu haben: Auf blauem Hintergrund über goldenen Wellen ein Mühlenrad. 

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Als Wappenträger entschied er sich für die Form eines Schildes. Durch eine gekonnte Aufteilung von Rad und Wasser, für die er die Farben Blau und Gold wählte, erreichte er schließlich eine optimale Wirkung. Ganz besonders geglückt bei der künstlerischen Gestaltung war vor allem die Achsensymmetrie von Mühlrad und Wellen.

Herr Prangel legte den Entwurf den Gemeindevertretern zur Begutachtung vor. Nach kurzer Diskussion stimmten diese ohne weitere Einwände der Vorlage zu.

Mit Wirkung vom 09. Oktober 1963 wurde dann durch den Minister des Inneren der Gemeinde Cappel das Wappen verliehen. 

 

Das Cappel Wappen befindet sich auch im heutigen Wappen der Freiwilligen Feuerwehr Cappel wieder. 

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Einwohnerzahlen

Die Entwicklung der Einwohnerzahlen

Vom Ausgang des Mittelalters bis in die jüngste Vergangenheit

   

  100   Einwohner um 1500
  213   Einwohner im Jahre 1748
  693   Einwohner im Jahre 1840
  797   Einwohner im Jahre 1856
1.190   Einwohner im Jahre 1925
1.250   Einwohner im Jahre 1928
1.699   Einwohner im Jahre 1939
1.758   Einwohner im Jahre 1943
2.282   Einwohner im Jahre 1946
2.459   Einwohner im Jahre 1951
2.702   Einwohner im Jahre 1955
3.000   Einwohner im Jahre 1958
4.000   Einwohner im Jahre 1963
4.915   Einwohner im Jahre 1965
5.000   Einwohner im Jahre 1966
5.638   Einwohner im Jahre 1969
7.000   Einwohner Großgemeinde 1971
5.641   Einwohner im Jahre 1974
6.020   Einwohner im Jahre 1980
6.191   Einwohner im Jahre 1986
6.560   Einwohner im Jahre 1989
       
7.142   Einwohner im Jahre 2015
Quelle: Wikipedia Stand 31.12.2015  

 

cappel     47
     Quelle: Google Maps

 

Feuerwehr Cappel

 

Freiwillige Feuerwehr Cappel

von Heinz-Peter Gerber

 

Im 850-jährigen Cappel spielt auch die Feuerwehr seit über 100 Jahren eine große Rolle. Bestimmt hat man sich auch vor 1880 gegen das Feuer gewehrt. Aber die Vorgeschichte der Freiwilligen Feuerwehr Cappel besagt, dass von 1880 bis 1926 eine Pflichtfeuerwehr bestand. Dieses ist auch dadurch bewiesen und dokumentiert, dass die Gemeinde Cappel bereits 1883 eine Hand- Druck- und Saugspritze bei der Marburger Firma Klee und Sohn kaufte, die heute noch im Stützpunkt steht, voll funktionsfähig ist und auch im Festzug zu sehen sein wird. 

Die Brandmeister der Pflichtfeuerwehr waren: Justus Rein, Konrad Eidam, Heinrich Rein und Johannes Claar. 

Da es jedoch bei der Pflichtfeuerwehr mit der Zeit nicht mehr so gut funktionierte, beschlossen 52 Männer im April 1926 die „Freiwillige Feuerwehr Cappel" zu gründen. 

In den Vorstand wurden gewählt: Ortsbrandmeister Johannes Claar, Stellvertreter Heinrich Rein, Kassenwart Heinrich Becker, Kassierer Karl Gnau, Zeugwart Ludwig Hermann. 

In 1939 übernahm Heinrich Rein die Wehrführung, er leitete die Wehr bis zu seinem 70. Geburtstag in 1957

Am 08. November 1948 fand die erste Generalversammlung nach dem Kriege statt, man wählte wieder einen Vorstand, dem folgende Kameraden angehörten: Ortsbrandmeister Heinrich Rein, Stellvertreter Heinrich Schneider, Schriftführer u. Pressewart Peter Gerber, Kassenwart Willi Becker. 

Es war gar nicht so leicht, nach dem unseligen 2. Weltkrieg noch Männer für eine freiwillige Sache zu finden. 

Aber in 1950 hatte die Wehr schon 2 starke Löschgruppen, sowie ein Löschgruppenfahrzeug und ein Tanklöschfahrzeug (TLF 15). 

In 1951 fand in Cappel der 3. Kreisfeuerwehrtag des Landkreises Marburg statt. 

Auch in 1951 wurde bei Landwirt Ernst Heuser die erste Gemeindesirene auf dem Dach montiert, dort war sie bis 1975

In 1953 hatte die Wehr bereits einen Mitgliederstand von 46 aktiven und 63 passiven Mitgliedern. 

In 1957 wird Heinrich Schneider zum Ortsbrandmeister gewählt, er stand der Feuerwehr 11 Jahre vor. 

Da die 2 Löschfahrzeuge an getrennten Plätzen standen (Marburger Straße und an der TSV-Turnhalle), wurde der Ruf nach einem neuen Feuerwehrgerätehaus immer lauter. Die Gemeinde Cappel stand dem Wunsch aufgeschlossen gegenüber. 

Im Jahre 1958 wurde der Neubau auf dem alten Schulhof (heute August-Bebel-Platz) begonnen und konnte in 1960 feierlich eingeweiht werden. Die Feuerwehr hatte mit Eigenleistung ihren Teil dazu beigetragen. 

Im Jahre 1962 wurde die 1. Standarte für unsere Feuerwehr beschafft und feierlich geweiht, sie begleitet uns heute noch bei vielen Anlässen. 

In 1962 wurde auch die Schülerfeuerwehr der Steinmühle der Cappeler Feuerwehr als 3. Gruppe angegliedert. Sie bestand bis 1970

In 1963 wurde durch Bürgermeister Conrad Hahn der Wehr ein Löschgruppenfahrzeug LF 8 übergeben.  

In 1966 wurde in Cappel die erste Jugendfeuerwehr gegründet. Erster Jugendfeuerwehrwart war der heutige Kreisbrandinspektor Georg Kühn. 

Ebenfalls im Jahr 1966 feierten wir das 40-jährige Bestehen in Verbindung mit dem 18. Kreisfeuerwehrtag auf dem alten Schulhof. 

In 1968 wurde Peter Gerber zum neuen Ortsbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr Cappel gewählt, er führt die Feuerwehr nun seit 21 Jahren. 

Es spricht für unsere Feuerwehr, dass sie in 50 Jahren nur 3 Vorsitzende bzw. Ortsbrandmeister / Wehrführer hatte. 

In 1969 kaufte die Wehr aus Vereinsmitteln einen neuen VW-Bus und baute ihn zum Kommandowagen um und stellte ihn in den Dienst der Gemeinde. 

Bereits in 1970 waren schon zwei Löschfahrzeuge mit BOS-Funk ausgerüstet. Bereits nach 10 Jahren zeigte sich, dass das 1960 in Betrieb genommene Feuerwehrgerätehaus den Anforderungen nicht mehr gewachsen war. Gemeinde, Feuerwehr und Land Hessen suchten gemeinsam nach einer Lösung. Als Grundstück bot sich der alte Dreschplatz an der Umgehungsstraße an. Aus einem geplanten größeren Feuerwehrhaus wurde dann ein „Feuerwehrstützpunkt", mit angegliedertem Hessischen Jugendfeuerwehrausbildungszentrum. 

Das Richtfest war am 10. Dezember 1971 und die Einweihung fand am 14. Oktober 1972 statt.

Beim Umzug in den Stützpunkt verfügt die Feuerwehr bereits über 5 Löschfahrzeuge.

Der Stützpunkt hatte und hat noch die Aufgabe, den gesamten Südkreis zu betreuen und Hilfe zu leisten, auch zur Unterstützung der örtlichen Feuerwehren, mit Sonderfahrzeugen und Geräten. 

Seit sich die Gemeinden Moischt, Ronhausen und Bortshausen in 1972 freiwillig zur Großgemeinde Cappel zusammenschlossen, besteht die Freiwillige Feuerwehr Cappel nun aus 4 Ortsteilfeuerwehren. Erstmalig wird durch eine Ortssatzung eine Einsatzabteilung gebildet und der Verein bekommt eine neue Vereinssatzung mit dem neuen Namen: „Freiwillige Feuerwehr 1926 Cappel".

Ortsbrandmeister der Großgemeinde und aller Feuerwehren wird Peter Gerber, auch gleichzeitig Wehrführer der Ortsteilfeuerwehr Cappel sowie gemäß Vereinssatzung, kraft Amtes auch Vorsitzender des Vereins. 

In 1973 und 1974 wird die Wehr mit 60 Funkalarmempfängern für die stille Alarmierung ausgerüstet. Dies war zu dieser Zeit eine einmalige Sache unserer Gemeinde. 

In 1974 wird die Wehr mit einem Rüstwagen, einem Schlauchwagen, einem Flutlichtwagen und einem Einsatzleitwagen ausgerüstet. Die Kosten wurden vom Land, Kreis und Gemeinden getragen. Die Stützpunktfeuerwehr ist mit 8 Einsatzfahrzeugen, alle mit Funk und einer Funkzentrale, voll ausgerüstet und einsatzbereit. Von 1972 - 1976 ist Helmut Kühl aus Moischt als hauptamtlicher Gerätewart im Stützpunkt tätig. Alles lief zu Zufriedenheit. 

Am 01. Juli 1974 wird der Gemeinde und Feuerwehr Cappel durch Beschluss des Landes Hessen der Todesstoß versetzt. Cappel wird in die Stadt Marburg eingemeindet. Noch heute frage ich mich, haben wir damals alles getan, um dieses zu verhindern.

Die Stadt Marburg besteht nun aus 16 Stadtteilfeuerwehren, es werden 3 Bereitschaften gebildet, die Wehren der früheren Gemeinde Cappel bilden die Bereitschaft 3. Bereitschaftsführer wird Peter Gerber. Die Wehrführer / Bereitschaftsführer werden Ehrenbeamte der Stadt Marburg. Cappel ist bemüht, innerhalb der Stadt Marburg eine gute Feuerwehr zu stellen und bemüht sich um gute Zusammenarbeit. 

In 1976 feiert die Freiwillige Feuerwehr Cappel ihr 50-jähriges Bestehen, verbunden mit dem 1. Kreisfeuerwehrtag des neuen Großkreises Marburg-Biedenkopf. In 1986 feierten wir das 60-jährige Bestehen.

Die Verdienste unserer Wehrmänner wurden durch hohe Auszeichnungen wie Deutsches Feuerwehrehrenkreuz in Silber und Gold, Hessisches Brandschutzehrenzeichen in Silber, Gold und als Steckkreuz, Ehrennadeln der Deutschen Jugendfeuerwehr, Verdienstmedaillen des DFV, Bundesverdienstkreuz sowie Orden von ausländischen Feuerwehrverbänden, gewürdigt. 

Aus Altersgründen wurden einige Einsatzfahrzeuge durch die Stadt Marburg ersetzt, so dass die Stützpunktfeuerwehr heute über folgende Einsatzfahrzeuge verfügt: 1 Einsatzleitwagen, 1 Tanklöschfahrzeug, 1 Löschgruppenfahrzeug LF16, 1 Löschgruppenfahrzeug LF 8, 1 Rüstwagen, 1 Schlauchwagen, 1 Flutlichtwagen, 1 Drehleiter 18 m, 1 Mannschaftstransportfahrzeug, 1 Ölschadensanhänger und 1 P 250. 

Eine große Anzahl von Löscheinsätzen und Hilfeleistungen wurden gefahren, eine Menge Hab und Gut, sowie Personen und Tiere gerettet oder geschützt. Bei Pokal- und anderen Wettkämpfen konnten große Erfolge erzielt werden.

Der Gemeinschaftssinn in der Feuerwehr wird ganz groß geschrieben und praktiziert. Die Gesamtheit unserer Wehr besteht heute aus 345 Mitgliedern, 70 in der Einsatzabteilung, 8 in der Ehren- und Altersabteilung, 25 in der Jugendfeuerwehr und 242 passiv im Verein.

Der Nachwuchs für die Einsatzabteilung kommt überwiegend aus der Jugendfeuerwehr, hier ist Karl-Heinz Brandt der Jugendfeuerwehrwart.

In die Einsatzabteilung werden die Mitglieder ab dem 17. Lebensjahr aufgenommen, und in die Jugendfeuerwehr kann man ab dem 10. Lebensjahr eintreten.

Neben feuerwehrtechnischer Ausbildung kommen Sport, Spiel, Reisen, Fahrten, Geselligkeit und Kameradschaft nicht zu kurz.

In der Feuerwehr Cappel Mitglied zu sein, ob aktiv oder passiv, bedeutet nicht nur irgendeine Mitgliedschaft, sondern ein PRIVILEG! Wer heute, bei geringem Jahresbeitrag, noch abseits steht, sollte bald um seine Mitgliedschaft nachsuchen. Allerdings, wer nie auf die Feuerwehr angewiesen sein sollte und nie Hilfe erwartet, der sollte es lassen. Neben Feuerwehrausschuss und Vereinsvorstand sind für die Leitung und Führung der Feuerwehr verantwortlich: Peter Gerber, Wehrführer und Vorsitzender Werner Fischer, Stellv. Wehrführer Willi Grebe, Stellv. Vereinsvorsitzender.

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Die Freiwillige Feuerwehr Cappel (1978)

 

Hier finden Sie eine ausführlichere Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Marburg Cappel von 1926 bis heute.

 

Urkunde

Anhand des Originals berichtigte Übertragung und Übersetzung der Urkunde

von Klaus-D. Schreiber, Institut für vergleichende Städtegeschichte - Münster, Westfalen

  

Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit Arnold, von Gottes Gnaden Erzbischof der heiligen Kirche Köln.

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Schenkungsurkunde mit Ersterwähnung des

Namens „Cappel“ aus dem Jahre 1138/1139

 

Glücklich sind die, sagt Veritas, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, bis sie selbst gesättigt sind. Mit dieser Sättigung wünschen wir nicht allein uns, sondern alle, die für Christen gehalten werden, erfüllt zu sein, und wir laden sie ein, die Gerechtigkeit zu lieben, sich an ihr zu laben und sie zu trinken.

Daher sei allen, die die Gerechtigkeit lieben, bekannt gemacht, dass ein [Land-]Gut bei Braubach der Kirche St. Michael in Siegburg zu Zeiten Unseres Amtsvorgängers Erzbischof Friedrich von einer gewissen Gräfin namens Cunigunde von Bilstein, der Frau des Grafen Giso, übertragen worden ist. Wegen vorgekommener Krankheit hatte sie um den Rat der [Ordens-] Brüder von Siegburg für ihr Seelenheil gebeten und erbeten, dass sie dort beerdigt wird. Was dann auch geschehen ist.

Aber weil ihre Erben nicht anwesend waren, weigerten sich die Dienstmannen, die Schenkung auf den Altar zu vollziehen, bis zu deren Ankunft.

Später kam Herr Ludwig, Graf von Thüringen, mit seiner Frau, der Tochter der vorgenannten Cunigunde, und übertrug das [Land-]Gut bei Braubach, das der vorgenannten Cunigunde gehört hatte, auf den Altar St. Michaels, wobei, als ein gewisser Godebert sagte, dass es sein Lehngut sei, das der genannte Graf ihm nach dem Tod der vorgenannten Gräfin zum freien Gebrauch überlassen hatte, sich die [Ordens-]Brüder wegen einer solchen Streitigkeit weigerten, die Übertragung anzunehmen.

Nachdem sie sich beraten hatten, hat der vorgenannte Godebert sein Lehngut dem Grafen Ludwig zurückgegeben mit der Bedingung, dass er es, solange er lebt, behält, und jährlich eine halbe Fuhre Wein zum Zeugnis [des Besitzverhältnisses] liefert, und nach ihm kein Erbe sich irgendetwas aneignet, sondern es gänzlich frei der Kirche gehört.

So hat dann der genannte Graf das genannte Gut bei Braubach für das Seelenheil der genannten Cunigunde Gott auf dem Altar übergeben. Darüber hinaus hat er verfügt, dass aus seinem eigenen Besitz eine weitere halbe Fuhre Wein gegeben werden soll, solange Godebert lebt.

Nachdem dies so vertraglich geregelt war, hat der genannte Godebert auf die Reliquien der Heiligen geschworen, dass aus dem genannten Gut der Kirche kein Hindernis von ihm aus in den Weg gelegt würde, weder durch seine Zustimmung, noch durch seinen Rat, noch durch irgendeine List.

Zeugen dieser Handlung, die mit Herrn Ludwig und Godebert anwesend waren, sind: Folpertus von Hepisvelt und sein Bruder, Arnoldus senior von Bilistein, Arnoldus von Ruokelingin, Metfridus von Bilistein und sein Bruder Theodericus, Cuonradus von Ruokelingin, Gozwinus von Rospen und sein Bruder Sigebodo, Erkembertus von Rospen und sein Bruder Adelbero, Sigebodo von Hobach und sein Bruder Heinricus, Widerolt Schultheiß, Paginus, Dietmarus und Sigebodo Albus von Sehteme, Tammo von Wimere, Ludewicus von Capela, Ludewicus von Marburg,Arnoldus von Cuochenbach, Heinricus von Sconebach, Wicherus von Benesbure, Udo von Sehteme, Udo von Hanafo.

Darüber hinaus des Weiteren die Ältesten der Gemeinschaften von Rospen und Siegburg: Gerlacus Schultheiß, Wolbero, Knetelo, Sigewardus, Engilbertus, Hartmannus, Arnoldus, Guoncelinus, Becelinus, Leo, Waltherus, Bertramus, Theodericus, Everhardus, Arnoldus und andere mehr.

Damit dies alles unverletzt bestehen bleibt und weder Godebert selbst entgegen seinem Eid irgendwas hiervon zu ändern wagt, noch überhaupt irgendeiner seiner Erben es unternimmt, sich etwas hiervon anzueignen, bekräftigen wir das vorliegende Schriftstück mit unserem Siegel und verbieten im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass irgendjemand die Rechte der genannten Siegburger Kirche an dem genannten Gut verletzt. Wenn er es dennoch tut und nach einer Ermahnung nicht sofort zur Einsicht kommt, verfällt er der Apostolischen Macht und unserer Exkommunikation.

 

 

Verkehrsanbindung

Chronik der Verkehrsanbindung

Die wichtigsten Jahreszahlen der Verkehrsanbindung von Cappel an Marburg, von Gotthardt Eßbach

 

1897

Anregung zum Bau der Kreisbahn von Marburg-Süd nach Dreihausen.

 

1905

Inbetriebnahme der Kreisbahn mit direktem Anschluss an die Staatsbahn in Marburg-Süd. Durch den Bau der Marburger Kreisbahn wurde der Ebsdorfergrund sowohl für den Personenverkehr als auch für den Güterverkehr erschlossen, wobei die Bedeutung des Güterverkehrs mit den Jahren zunahm.

Cappel erhielt eine Haltestelle, jedoch kein Anschlussgleis zur Steinmühle, wie es der damalige Mühlenbesitzer Matthaei beim Regierungspräsidenten in Kassel beantragt hatte. Hingegen sind an sämtlichen Stationen und Haltestellen Raiffeisenstützpunkte mit Gleisanschluss eingerichtet worden. Um die Ortschaften, die abseits der Bahn in ihrem Einzugsgebiet liegen, dem zunehmenden Verkehrsbedarf zu erschließen, war die Einrichtung eines Parallel-Verkehrs mit Omnibussen in den späteren Jahren erforderlich, vor allem für den Berufs- und Schülerverkehr.

 

1911

Für Cappel gewann die Eröffnung der elektrischen Straßenbahn vom Hauptbahnhof zum Südbahnhof Marburgs immer mehr an Bedeutung, nachdem der vorangegangene Pferdebahnverkehr in Marburg eingestellt worden war. Der Südbahnhof wurde sozusagen eine Art Umschlag- oder Umsteigeplatz für Cappeler Bürger, die dort in die Straßenbahn einstiegen, welche über Wilhelmsplatz - Rudolfsplatz in Abständen von 10 Minuten zum Hauptbahnhof führte.

 

1916

Während des 1. Weltkrieges gab es häufig Stromausfall, dennoch stiegen die Beförderungzahlen.

 

Die 20er und 30er Jahre

Der Südbahnhof blieb der zentrale Punkt für Cappel nach Marburg. Man stieg in Cappel in die Kreisbahn ein und fuhr für 15 Pfennige zum Südbahnhof, wo in die elektrische Straßenbahn umgestiegen wurde, für 10 Pfennige weiter zum Hauptbahnhof über Rudolfsplatz - Pilgrimstein. Für viele Cappeler brachte um diese Zeit ein eigenes Fahrrad einige Vorteile, weil man damit schneller in der Stadt war, manche gingen sogar zu Fuß von Cappel bis zum Südbahnhof!

 

1940

Während des 2. Weltkrieges nahm die Stadt Marburg den ersten Omnibusverkehr auf der Strecke Tannenberg - Frankfurter Straße zu den Kasernen auf. Es bestanden bereits Pläne, die Straßenbahn einzustellen und einen Oberleitungsbetrieb mit Omnibussen zu errichten; die Kriegsereignisse vereitelten dieses Vorhaben jedoch vorerst.

 

1951

Die Straßenbahnlinie in Marburg wurde eingestellt. Dafür übernahmen Oberleitungsbusse den Linienverkehr auf der Strecke Hauptbahnhof - Südbahnhof, jetzt über Biegenstraße, Elisabethkirche. Es sollten vor allem wegen der Entwicklungsgebiete am Stadtrand, wo inzwischen große Siedlungen entstanden waren, bessere Voraussetzungen für den anwachsenden Personenverkehr nach Cappel geschaffen werden. So fuhr erstmalig im Winter 1949/50 ein Omnibus der Marburger Stadtwerke in unser Dorf. Die damalige Linienführung glich allerdings einem Sternenbild im Vergleich zu heute. So fuhr z. B. der Bus von Cappel kommend zum Südbahnhof und weiter zum Hansenhaus, von dort fuhr er dann nach Ockershausen, von Ockershausen nach Marbach und dann erst wieder nach Cappel zurück. Für Cappeler Fahrgäste bedeutete diese Linienführung, dass die meisten am Südbahnhof umsteigen mussten auf die dort endende bzw. beginnende Obuslinie. Die Ära der Obusse endete am 05. Oktober 1968.

 

1956

Endlich wurde eine Direktverbindung Cappel - Innenstadt Marburg geschaffen! Die „Cappeler Schmiede" war Einstiegs- bzw. Endstation. Die Linienführung ist in den Folgejahren noch mehrmals geändert worden, z. B. Cappel - Marbach und Cappel - Afföller, bevor nach 1960 die noch heute bewährten Verbindungen Cappel - Wehrda eingerichtet wurden, heute: Linie 2 und 3 von der Cappeler Gleiche bzw. vom Sohlgraben nach dem Sachsenring in Wehrda.
 

1972 Ende der Kreisbahn

Mit der Kreisbahn war im Jahre 1905 die ver­kehrsmäßige Anbindung Cappels an den Knotenpunkt Marburg-Süd hergestellt wor­den. Wie aus den technischen Entwicklun­gen seitdem erkennbar geworden ist, wurde der Personenverkehr zunehmend vom Om­nibus übernommen. Nachdem immer weni­ger Basalt-Schotter aus Dreihausen für die Bundesbahn benötigt worden ist, nahm ganz zwangsläufig auch der Güterverkehr ab. Im Jahre 1970 bestand keine Kosten­deckung mehr für die Unterhaltung der Gleiskörper und den Maschinenpark für die Kreisbahn. Am 29. Dezember 1972 musste daher der Kreis­bahnverkehr endgültig eingestellt werden.

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Anfänge im Personennahverkehr

 

 

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