Von Frondiensten, Armut und Not

- Die Stellung Cappels im Mittelalter bis zur frühen Neuzeit -

 

Zeitraum von 1374 bis 1800

 

Cappel – ein Marburger Hausdorf

Ebenso unzureichend wie die Aufzeichnungen über das „Adelsgeschlecht derer von Cappel“ sind die Quellen, die Aufschluss über die Geschichte und Entwicklung des Ortes selbst geben. Dies gilt besonders für den Zeitraum vom 14. bis 17. Jahrhunderts.

Vieles deutet darauf hin, dass die Einbeziehung des Marburger Raumes in die Regentschaft der thüringischen Landgrafen zu nicht unerheblichen Änderungen in den Besitzverhältnissen führte. In deren Folge schwand der Einfluss der Adelsfamilien aus Cappel und Weimar. Nutznießer waren unter anderem die Schenker zu Schweinsberg, die später auch das Patronatsrecht über die Kirchen von Cappel und Oberweimar erlangten.

Aufzeichnungen im Salbuch von 1374 machen deutlich, dass hinsichtlich der Besitzverhältnisse bereits zu diesem Zeitpunkt eine enge Verflechtung zwischen Marburg und Cappel gegeben war. Sie fand ihren Ausdruck darin, dass wechselseitig Lehen vergeben und Steuern entrichtet wurden, wie auch in einer administrativen Amtsverwaltung unterstellte. So weist das Salbuch z. B. aus, dass die Personen Heinz Oppermann, Bloße und Henne Fischer an die Rentkammer in Marburg Abgaben in Form von Naturalien entrichteten.

Gleiches galt für Johann von Diedensdorf, der im Bereich des heutigen „ Dietersdorfer Weges“ ein Gut besaß. Dieses war ein Teil der kleinen Siedlung „Diedendorf“, die später wahrscheinlich im benachbarten Adelssitz des Dorfes Cappel aufging.

Im Zuge der wachsenden Bedeutung Marburgs und des Ausbaues seiner Siedlung als Amts- und Verwaltungssitz vollzog sich eine Entwicklung, die Cappel zusammen mit Ockershausen, Wehrda und Marbach enger in die Interessen der Stadt einband. Einer Urkunde, die sie als „etliche besondere Dörfer im Amt“ bezeichnet, ist zu entnehmen, dass die genannten Orte den Status von „Hausdörfern“ erhielten, der sie zu besonderen Dienstleistungen gegenüber dem Landesherrn verpflichtete.

Diese Dienste schlossen unter anderem Fuhr- und Spanndienste sowie Erntearbeiten, Wegebau und Holzeinschlag ein. Für die meisten Tätigkeiten war jedoch charakteristisch, dass sie als „spezielle Hausdienste“ aus dem Schloss zu verrichten waren, vor allem zu Gunsten des „Hofstaates“. Wenngleich eine Dienstvergleichung den Rahmen der zu erfüllenden Pflichten absteckte und für eine gerechte Aufteilung der Arbeiten zwischen den einzelnen Hausdörfern sorgte, so verwundert es nicht, dass in den betreffenden Orten von „ungemessenen Diensten“ gesprochen wurde. Unmut erregte insbesondere die Tatsache, dass die Dienste jederzeit bei Bedarf zu erbringen waren, also jeweils weder Zeitpunkt noch Dauer der Inanspruchnahme feststand.

Wie aus einem Dorfbuch des Oberfürstentums Hessen hervorgeht, oblagen den Bewohnern Cappels die folgenden besonderen Pflichten: „Alle Untertanen haben nur den Naturaldienst auf dem Schloss zu verrichten. Der Schlossdienst besteht darin, das Pflaster reinzuhalten, das Gras zwischen den Steinen rauszuhacken, wenn Herrschaften da sind in der Küche aufzuwarten, Holz zu legen und herbeizuholen, Betten zu machen, auch Bier, Stroh und Heu hinaufzufahren." 

Eine weitere Auflage bestand darin, „dann, wenn die Herrschaft in Hachborn weilte, Fleisch und Gemüse nach dort zu tragen sowie zusätzlich aus den Kellern des Schwanhofes Wasser zu tragen und das Obst in den dortigen Gärten zu pflücken.“  Schließlich galt es auch, die landgräfliche Dienstpost zu befördern, was sich wegen der oftmals weiten Wegen und der damit verbundenen langen Abwesenheiten der „Botengänger“ als besondere Belastung herausstellte. Alles in allem mussten die Bewohner Cappels wie auch die der anderen Hausdörfer oft mehr als ein Siebtel des Jahres für die Erledigung der ihnen auferlegten Dienste aufwenden. Ein Vorteil lag dagegen in der Freistellung der Bewohner von den großen Leistungsfuhren über Land in Krieg und Frieden.

Trotz des großen Umfangs ihre Inanspruchnahme verloren die Hausdörfer ihre innere Stabilität nicht. Vielmehr kann davon ausgegangen werden, dass sie ihre kontinuierliche Weiterentwicklung zum wesentlichen Teil dieser besonderen Situation und den vielfältigen Bemühungen, sie unbeschadet zu meistern, verdanken.

Detaillierte Angaben über die sozialen Verhältnisse im Hausdorf Cappel, über die Größe der Siedlung sowie über ihre Einwohnerzahl sind mangels aussagekräftiger Dokumente nicht möglich. Es gilt jedoch als sicher, dass das Leben im Ort wesentlich von der Nähe zu Marburg bestimmt wurde, insbesondere durch die Zugehörigkeit zur städtischen Gerichtsbarkeit wie auch durch die Abhängigkeit von den dortigen Ämtern.

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Mittelalterliche politische, kirchliche Siedlungs-

und Verkehrsverhältnisse um Marburg und Cappel