Zwischen Hoffen und Bangen

- Die Entwicklung Cappels in unruhigen Zeiten -

 

Zeitraum von 1846 bis 1946

Mit der Bahn in eine bessere Zeit

Belebende Wirkungen für die gesamte Region hatte der Bau der Main-Weser-Bahn, mit der im Jahre 1846 begonnen wurde. Nach Inbetriebnahme des Abschnittes Marburg-Lollar im Jahre 1850 wurde die Strecke Marburg-Gießen 1852 freigegeben.

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Main-Weser-Bahn

Von diesem Projekt gingen wichtige Impulse für das wirtschaftliche und soziale Leben Cappels wie auch der umliegenden Gemeinden aus. Da die Bauarbeiten am Bahnkörper überwiegend in Handarbeit verrichtet werden mussten und für einen längeren Zeitraum sichere Beschäftigung versprachen, war ein Zustrom auswärtiger Arbeitskräfte die Folge. Diese kamen teils mit ihren Familien und verblieben für immer, teils wurden sie durch Heirat in Cappel ansässig. Nach langer Zeit stieg so die Einwohnerzahl der Gemeinde spürbar an. Lag sie im Jahre 1845 noch bei 693, so wuchs sie innerhalb von 11 Jahren auf 797 Personen.

Die Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur wirkten der eingetretenen Erstarrung entgegen. Die Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung der Gemeinde verbesserten sich zusehends, da die „Neubürger" ihre Bindungen und Beziehungen zum heimatlichen Raum pflegten und auch unter ökonomischen Gesichtspunkten ausbauten.

Dieser Prozess der zunehmenden Öffnung nach außen erhielt einen zusätzlichen Antrieb, als die „Marburger Kreisbahn" gebaut und am 28. September 1905 in Betrieb genommen wurde. Mit ihr erschlossen sich den Cappeler Bürgern weitere Möglichkeiten, ihre berufliche und damit verbunden ihre wirtschaftliche Situation zum Teil entscheidend zu verbessern.

 

Die sichtbaren Folgen waren Veränderungen in den Besitzständen der einzelnen Familien: Häuser wurden gebaut bzw. erweitert, Landwirte vergrößerten ihre Höfe, Arbeiter erwarben frei werdende Häuser. Das Ortsbild begann sich zu verändern.

Hand in Hand mit dieser Entwicklung verlief die gezielte Planung und schrittweise Realisierung wichtiger infrastruktureller Maßnahmen. So wurden im Zeitraum von 1850 - 1910 die folgenden Bauvorhaben verwirklicht:

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    Lehrerdienstwohnung
  • 2 neue Schulsäle in der Marburger Straße (1852),
  • 1 Lehrerdienstwohnung in der ehemaligen Bahnhofstraße (Heute „Rosenmorgen"/1878),
  • 1 Dienstwohnung für den zweiten Lehrer (1891),
  • Abriss des alten Kirchenschiffes und Neubau der Kirche in Verbindung mit dem alten Chorraum (1899/1900),
  • Neubau eines Pfarrhauses (1906).

 

Angesichts der ständig anwachsenden Einwohnerzahl nahm sich die Gemeinde auch der seit langem problematischen Wasserversorgung an. Die Planungs- und Bauarbeiten wurden zügig vorangetrieben und von der Cappeler Firma Schneider innerhalb von nur zwei Jahren zum Abschluss gebracht. So konnte bereits im Herbst 1910 im Rahmen eines großen Volksfestes die Einweihung der neuen Wasserleitung gefeiert werden.

Da sich die als Wasserreservoir dienende Teichmühlenquelle in Ronhausen als außerordentlich ergiebig erwies, konnten in der Folgezeit auch die im Aufbau befindliche Landesheilanstalt und ebenso diejenigen Einwohner Marburgs, die östlich der Main-Weser-Bahn wohnten, über das Cappeler Wassernetz mitversorgt werden.

Mit der Einbeziehung Cappels in die überregionale Stromversorgung und dem im Jahre 1914 erfolgten Anschluss an das Stromnetz fand die infrastrukturelle Entwicklung der Gemeinde ein vorläufiges Ende.

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Eine Lokomotive aus der Anfangszeit der Marburger Kreisbahn (1906)