Viel beneidetes Cappel

- Der Aufstand Cappel zu einer leistungsfähigen Stadtrandgemeinde -

 

Zeitraum von 1946 bis 1974

 

Entschlossener Neubeginn

Geordnete Verhältnisse stellten sich erst nach der Währungsreform wieder ein, die im Juni 1948 durchgeführt wurde. Mit ihr schuf man die Voraussetzungen für einen allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung, der es den Kommunen ermöglichte, wieder langfristiger zu planen. Die Hauptprobleme, Schaffung von Arbeitsplätzen und Behebung der Wohnraumnot, konnten somit gezielt in Angriff genommen werden.

Beides erwies sich auch für Cappel als dringend notwendig. Denn bedingt durch den Zustrom von Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, von Evakuierten aus den zerbombten Städten und von Entlassenen aus dem Cappeler Kriegsgefangenenlager stieg die Einwohnerzahl der Gemeinde sprunghaft an. Hatte sie im Jahre 1939 noch bei 1699 gelegen, so zählte man im Jahre 1946 bereits 2.288 Einwohner. Davon waren 408 Personen Vertriebene, 143 Personen Evakuierte. Der Gesamtanteil der „Neubürger" belief sich also auf ca. 25%.

Um den eingetretenen Wohnungsnotstand zu überwinden, fasste die Gemeindevertretung im Juni 1949 den Beschluss, das am Zuckerberg gelegene gemeindeeigene Gelände zur Bebauung freizugeben. Der Kaufpreis für 1 Quadratmeter Bauland wurde auf 0,50 DM festgesetzt, für die Erschließung wurden weitere 0,50 DM pro Quadratmeter erhoben. Zwar waren die angewiesenen Parzellen klein und die Raum und Wohnverhältnisse auch in den Neubauten bescheiden - doch ein Anfang war gemacht.

Nach wie vor mussten von den 750 in Cappel registrierten Haushaltungen jedoch 250 in Notwohnungen untergebracht bleiben. Darunter befanden sich insgesamt 132 Familien, deren verfügbare Wohnfläche lediglich bis zu 50 qm betrug.

Angesichts dieser Misere wuchs allgemein die Einsicht, dass eine planvolle weitere Erschließung von Baugelände unumgänglich war. In teils zähen und langwierigen Verhandlungen mit der Forstverwaltung erreichten die verantwortlichen Gemeindevertreter, dass Schritt für Schritt neues, meist dem Fiskus gehörendes Gelände als Baugebiet ausgewiesen und freigegeben werden konnte.

 

Im Einzelnen handelt es sich um folgende Areale:21

Zuckerberg (1949), Am Köppel (1951), Zum Neuen Hieb (1953), Im Lichten Holz (1959), Sohlgraben (1960), Am Rödchen/Zur Birke (1960), Goldberg/Hahnberg (1963) und Vogelherd (1964).

Die Gesamtübersicht über die verschiedenen Bebauungspläne ist ein überzeugender Beleg dafür, wie folgerichtig und systematisch bei diesen Planungen vorgegangen wurde. Das macht auch verständlich, warum Cappel für Bauwillige aus nah und fern als bevorzugter Ort galt und sich in den 60er Jahren neben Stadtallendorf zur größten Zuwachsgemeinde im Kreisgebiet entwickelte.

 

 

Beeindruckender Aufschwung

Neben der Beseitigung der Wohnraumnot gab es weitere dringliche Aufgaben, die den für Cappel Verantwortlichen schlaflose Nächte bereiteten. Die „Marburger Presse" griff in ihrer Ausgabe vom 30.07.1952 eines dieser Probleme auf und berichtete, dass in Cappel viele Straßen im argen lägen. Wegen der fehlenden Kanalisation drohe im Winter Vereisungs- und im Frühjahr Überschwemmungsgefahr. Der Dorfbach sei nicht verrohrt, Bürgersteige fehlten. Von „den oberen Behörden" werde seitens der Cappeler Bürger erwartet, dass die durch den oberen Ort führende Kreisstraße (die heutige Moischter Straße) endlich in einen befahrbaren Zustand versetzt werde. Wichtige Arbeiten hätten seit Jahren nicht ausgeführt werden können, da die Straße zunächst eine neue Decke erhalten sollte. Da zwischen­zeitlich sowohl die Schotterdecke als auch das Packlager teilweise verschwunden seien, sähen sich die Anlieger gezwungen, das Gröbste selbst auszubessern.

Maßnahmen zur Verbesserung der innerörtlichen Verkehrsverhältnisse wurden fortan mit besonderem Nachdruck betrieben. Ein erster nennenswerter Fortschritt war zu verzeichnen, als die in Richtung Marburg führende Straße (die heutige „Marburger Straße") von der Dorfmitte aus bis zur Stadtgrenze auf einer Länge von ca. 1 km erheblich verbreitert und mit einem durch Bordsteine abgetrennten 2 m bis 2,50 m breiten Fußgängerweg versehen wurde. Weitere Maßnahmen folgten, so z.B. die seit langem überfälligen Kanalisierungsarbeiten  -  insbesondere im alten Dorf  -  sowie die Erweiterung der Leitungsnetze für Wasser, Abwässer und elektrischen Strom.

 

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Das Sohlgrabengelände vor der Bebauung   ...nach der Bebauung