Cappel - ein selbstbewusster Stadtteil

- Die Auswirkungen der Gebietsreform -

Zeitraum von 1974 bis 1988

 

Zu Beginn der 70er Jahre bereitete die Hessische Landesregierung eine umfassende Verwaltungs- und Gebietsreform vor. Mit ihr beabsichtigte sie in erster Linie, funktionsfähige Verwaltungseinheiten zu schaffen, die sowohl in der Lage wären, den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen der Nachkriegszeit Rechnung zu tragen, als auch die vielfältigen und komplexer werdenden Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

Wenn gleich die von der Landesregierung bekundeten Absichten zum Teil auf heftige Kritik und auf Ablehnung stießen, so wurden die damit verbundenen Chancen vielerorts erkannt und aufgegriffen. In der Folge kam es zu zahlreichen freiwilligen Zusammenschlüssen insbesondere von kleineren Gemeinden.

Von dieser Möglichkeit machten auch die Cappeler Nachbardörfer Moischt, Ronhausen und Bortshausen Gebrauch, die auf Grund eines entsprechenden Bürgervotums den Anschluss an Cappel anstrebten. In ihrer Sitzung am 10. November 1971 stimmten die Cappeler Gemeindevertreter diesen Eingliederungswünschen zu. Die Landesregierung genehmigte den Zusammenschluss, der die Einwohnerzahl der neuen „Großgemeinde" auf über 7.000 ansteigen ließ, mit Wirkung vom 31.12.1971.

Doch nur für kurze Zeit durfte sich Cappel seiner nunmehr gefestigten Stellung als eigenständiger und leistungsfähiger Stadtrandgemeinde erfreuen. Bereits im Februar 1973 veröffentlichte der Hessische Innenminister einen Vorschlag für die Neugliederung der Landkreise Marburg und Biedenkopf, der alternativ auch die Möglichkeit der Eingliederung Cappels in die Stadt Marburgvorsah. So sehr sich die Cappeler Bevölkerung und ihre gewählten Vertreter solchem Ansinnen auch widersetzten, indem sie mit stichhaltigen Argumenten für die Eigenständigkeit der Gemeinde plädierten, auf absehbare Nachteile für das gesamte Marburger Umland hinwiesen und die feste Entschlossenheit bekundeten, notfalls auch den Klageweg zu beschreiten, so fiel die Entscheidung letztlich doch gegen Cappel.

 

Laut Gesetz des Hessischen Landtages wurde Cappel mit Wirkung vom 01. Juli 1974 Teil der Stadt Marburg. Die Landesregierung widerstand allen erneuten Protesten und Einwänden und setzte diesen unter anderem die folgende Argumentation entgegen:

  • Durch die ausgedehnte Bebauung sei Cappel de facto bereits zu einer Siedlungsgemeinschaft mit Marburg zusammengewachsen.
  • Die Bevölkerungs- und Sozialstruktur der Gemeinde trage deutlich urbane Züge und werde durch den Zuzug neuer Bürger immer stadtähnlicher.
  • Zwischen der Stadt Marburg und der Stadtrandgemeinde Cappel bestehe seit Jahren eine enge verkehrsmäßige Verflechtung mit nahezu innerstädtischem Charakter.
  • Bei so vielen Gemeinsamkeiten sei es geradezu zwingend, die verwaltungsmäßige Einheit herzustellen, um damit zugleich die Finanzkraft der Stadt zu stärken.

 

Mit der 1974 erfolgten Eingemeindung verlor Cappel zusammen mit zahlreichen weiteren Gemeinden der Region seine Selbständigkeit und ist seither in die städtische Gesamtverantwortung einbezogen. Diese obliegt dem Stadtparlament sowie den Gremien der städtischen Verwaltung.

Ihnen gegenüber werden die besonderen Interessen des Stadtteils durch einen gewählten Ortsbeiratund durch seinen Vorsitzenden, den Ortsvorsteher, vertreten. Dieses Amt bekleidet von Beginn an der ehemalige hauptamtliche Cappeler Bürgermeister Conrad Hahn.

Wenngleich also die Eigenständigkeit Cappels verlorenging und in manchen Bereichen der Verwaltung ein Verlust an Bürgernähe zu beklagen war, so wäre es doch unzulässig zu behaupten, dass die Stadt Marburg durch die Eingemeindung Cappels viel gewonnen, Cappel hingegen alles verloren habe. Ebenso falsch wäre es, gar von einem Ende Cappels zu sprechen.

Denn zum einen darf nicht übersehen werden, dass Cappel über viele Jahre von seiner Stadtnähe profitiert hat und einen Teil seiner Attraktivität und seiner beispielhaften Entwicklung den zahlreichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Einrichtungen der Universitätsstadt Marburg verdankt.

Zum anderen erfährt Cappel auch als Stadtteil von Marburg eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Diese vollzieht sich jedoch nicht mehr isoliert und ausschließlich an den Interessen des neuen Stadtteils orientiert, sondern ist nun eingebettet in ein städtisches Gesamtkonzept.