Einges über das Brauchum im alten Cappel

Erzählt von Konrad Muth; Zeichnungen von Kurt Schneider

 

In der Festschrift, die eine kurz gefasste Geschichte Cappels enthält, sollte ein Beitrag darüber nicht fehlen, wie die Großväter- und Urgroßvätergeneration in ihrer Jugend Feste feierte und altes Brauchtum pflegte. Vieles ist inzwischen anders geworden, unser Dorf wurde größer, fortschrittlicher, „moderner". Schön war es in Cappel aber schon immer, auch damals, als wir noch jung waren. Aus dieser Zeit will ich einiges berichten. Erlebtes und Gehörtes, das ich von anderen, noch älteren Cappelern, erzählt bekam.

Cappel war in unserer Jugendzeit noch ein armes Dorf. Außer einigen größeren Bauern lebten hier überwiegend Kleinhandwerker, Arbeiter und Kleinbauern. Bei den „geringen Leuten" wurden viele Ziegen gehalten, die Ziege war „die Kuh des kleinen Mannes". Nach Möglichkeit wurden in den meisten Familien ein bis zwei Schweine großgezogen und geschlachtet.

Im Oktober jeden Jahres wurde die Kirmes gefeiert, oder einer der alten Vereine, z. B. der Pfeifenclub oder Radfahrverein, veranstaltete ein Fest. 

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Für weitere Geselligkeit, besonders während der kalten Jahreszeit, sorgten die Spinnstuben. Sie wurden in den Elternhäusern der Mädchen abgehalten, wo sich dann im Laufe des Abends etliche Burschen einfanden. Viele Paare haben sich in den Spinnstuben kennengelernt und später auch geheiratet. Mit Kuchen, Kreppel und manchmal auch mit richtigem Kaffee wurde im Februar die Abschluss-Spinnstube abgehalten. In den früheren Jahren spann man Wolle zu Garn oder strickte, später wurde dann nur noch gestrickt und gehäkelt.

Es gab aber auch einen gemütlichen Teil. Zwischendurch erzählte man über den einen oder den anderen die letzten Neuigkeiten, es wurde gelacht und gesungen, und erst zu später Abendstunde ging man nach Hause.

Im Sommer, oder überhaupt bei schönem Wetter, trafen sich am Sonntagnachmittag die Burschen und Mädchen zum Tanz. Zu diesem Zweck war in einer Waldecke im neuen Hieb ein festgestampfter Lehmboden angelegt. Sitzgelegenheiten boten Baumstämme, Baumstümpfe oder der angrenzende Wiesenrain. Ein Fass Bier wurde bei einem Wirt gekauft und mit zwei Stangen, die mit Seilen verbunden waren, zum Tanzplatz gebracht.

Zum Tanz spielten die beiden Cappeler Daniel Zick oder Georg Kühn auf. Ihr Instrument war eine Ziehharmonika. Ob es schon vor den beiden in Cappel Musikanten gab, ist mir nicht bekannt. Georg Kühn spielte noch bis ins hohe Alter. Beide leben nicht mehr.

Um die Jahrhundertwende schlossen sich in Cappel die unverheirateten Burschen immer mehr zusammen. Sie konnten nun Kirmes und Tanzvergnügen selbst in die Hand nehmen. Die Burschen stellten am Pfingstsamstag den Pfingstbaum auf, eine große, schlanke Birke und zwar an der Gastwirtschaft, in der am 2. oder 3. Feiertag ein Tanzvergnügen stattfinden sollte.

Alt und Jung tanzte damals Rheinländer, Schottisch, Walzer, Schieber oder ein „Siehste nit do kimmt er, lange Schritte nimmt er" usw., die so genannte Kreuzpolka. Eingeführt wurde zu dieser Zeit das Weinkofsingen (Weinkauf).

Aus diesem Anlass versammelten sich die Burschen vor dem Elternhaus eines verlobten Paares (wie heute etwa beim Polterabend) und brachten dem Brautpaar ein Ständchen. Gesungen wurde ein Weinkoflied oder ein Volkslied, das vorher geübt worden war. Der Braut kamen oft ein paar Tränen; die Burschen freuten sich über einen Schnaps.

Der erste Weltkrieg lichtete die Reihen der Burschen. Viele junge Cappeler fielen, und das gesellige Brauchtum kam zum Erliegen. Anfang der zwanziger Jahre aber fand sich die Burschenschaft wieder zusammen, sie war zahlenmäßig stärker geworden. Nun war sie in der Lage, die Kirmes, die vorher immer ein Wirt veranstaltete, selbst durchzuführen.